"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kindergarten als Pflicht oder: Gusenbauer allein in der SPÖ" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 23.01.2004

Graz (OTS) - In den Köpfen der heimischen Politiker beginnen die alten ideologischen Gitterstäbe niederzurosten. Sie denken cross over und scheren sich nicht mehr um Kategorien wie rechts und links. Das ist gut so, wenngleich für den Bürger einigermaßen verwirrend.

Erst sorgt ausgerechnet ein freiheitlicher Justizminister mit dem Vorstoß, den Rumänen ein österreichisches Gefängnis hinzustellen, für Verstörung. Dann überrascht Alfred Gusenbauer Freund und Feind mit dem Vorschlag, für Mädchen und Buben von Immigranten die Kindergarten-Pflicht einzuführen - als Prophylaxe zur Bekämpfung der Leseschwäche in den Schulen.

Akuten Anlass für den Denkanstoß gibt es keinen. Die Pisa-Studie, die Gusenbauer zitiert, ist drei Jahre alt, das Ergebnis trüb, aber noch kein Grund für einen Katastrophenalarm: Zehn Prozent der 15-Jährigen wurden als "leseschwach" ausgewiesen, fünf Prozent als Analphabeten. Damit landete Österreich in der Kategorie Lesekompetenz immer noch als bestes mitteleuropäisches Land auf Platz zehn.

Gusenbauer hat dennoch Recht. Ausländerkinder sollen in keiner Subkultur heranwachsen, sondern so früh wie möglich in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen integriert werden. Für die Eingliederung ist nun einmal das Beherrschen der Sprache unabdingbar. Wer hier mit Defiziten startet, schleppt die Hypothek die ganze Schulzeit und womöglich sein weiteres Leben mit sich.

Man muss sich nicht gleich so weit vorwagen wie Alfred Gusenbauer und aus all dem eine gesetzliche Pflicht zum Kindergarten-Besuch ableiten; es wäre verfassungsrechtlicher Hasard. Aber es ist gesellschaftspolitisch grundvernünftig, alle Anreize auszuschöpfen. Das ist keine Nötigung oder Repression, sondern, im Gegenteil, eine Privilegierung. Sie beseitigt Außenseitertum und kommt den betroffenen Kindern ebenso zugute wie später der Klasse und dem Lehrer.

Gusenbauers Vorstoß bricht mit dem multikulturellen Tabu, das in sozialdemokratischen und grünen Kreisen herrscht. Ausländer sollen wohl an unserer ökonomischen Welt und unserer Kultur teilnehmen können, aber es darf ihnen ja keine Verpflichtung zur Integration auferlegt werden.

Dass die SPÖ über ihren Parteichef mit demonstrativer Lust- und Verständnislosigkeit hinwegschwieg, ist bezeichnend. Die Partei tut sich seltsam schwer, Gusenbauer zu folgen. Ihre Gitterstäbe rosten langsamer als seine. Ein Gespann sind die beiden noch immer nicht. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001