"Kleine Zeitung" Kommentar: "Estag: Nach dem Köpferollen mehr Fragen als Antworten" (Von Erwin Zankel) Ausgabe vom 22.01.2004

Graz (OTS) - Was hat den Vorstand gelähmt - die Ereignisse vor Hirschmann?

Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm war die Vorahnung des Unwetters. Die aufgestaute Spannung entlud sich binnen weniger Stunden mit Blitz und Donner. Johannes Ditz, der zum Ausmisten in die Estag geholte Ex-Minister, feuerte den gesamten Vorstand der Energie-Holding des Landes Steiermark. Nach der Entfernung des Aufsichtsrates also auch noch die Entlassung der Direktoren. Ein Kahlschlag, wie er in Österreich zuletzt beim Untergang der alten Voest passiert ist.

Der von den Politikern erhoffte Befreiungsschlag war das Köpferollen allerdings nicht. Es gibt nach wie vor mehr Fragen als Antworten, zu viele Gerüchte und Verdächtigungen, zu wenige Erklärungen und Begründungen. ****

Die Handlungsfähigkeit des Vorstands sei nicht mehr gegeben gewesen und nach Ansicht des Aufsichtsrates auch nicht wieder her zu stellen, sagte der vor zwei Monaten von Landeshauptmann Waltraud Klasnic als Nothelfer angeheuerte Ditz. Der Befund des Aufsichtsratsvorsitzenden, der bis zur Installierung eines neuen Vorstands die Geschäfte der Estag führt, wird auch von Außenstehenden geteilt: Der alte Vorstand war durch gegenseitiges Misstrauen gelähmt, statt über Strategien nachzudenken und Synergien auzuschöpfen bekriegte man sich mit Gutachten und Klagen.

Auch diese Erklärung ist nur die halbe Wahrheit. Sie reicht, um einen Neubeginn zu begründen, nicht aber, um Licht ins Dunkel zu bringen. Die Estag-Affäre hält die Politik des Landes seit letztem Sommer in Atem, als der nahtlos vom Landesrat zum Vorstand umgestiegene Gerhard Hirschmann Unruhe in die Estag brachte. Zerkratzte er bloß die glitzernde Fassade des "Palazzo Prozzo" oder unterminierte er gar die Fundamente des wertvollen Unternehmens?

Die für die Öffentlichkeit wichtige Frage lautet: Wurde der Vorstand handlungsunfähig, weil Hirschmann Vorfälle zur Sprache brachte, die vor seinem Einzug in die Estag geschahen? Wer war für den Kauf und Verkauf von Beteiligungen verantwortlich? Wer hat wen wann wie informiert? Wer hat was beschlossen?

Die aktienrechtliche Sonderprüfung hat offensichtlich weit mehr herausgefunden als ursprünglich angenommen. Der Rechnungshof sollte die noch ausstehenden Antworten liefern. Sie werden über das politische Schicksal von Landesrat Herbert Paierl entscheiden, der als Schutzpatron des alten Vorstands fungierte. Ahnungslos gewesen zu sein, wird als Begründung für ein Nicht-Handeln des Eigentümervertreters nicht genügen.

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