"Presse"-Kommentar:Wahnsinn der Wahrheit: Weiß wie Schnee, rot wie Blut (von Friederike Leibl)

Ausgabe vom 20. Jänner 2004

Wien (OTS) - Blutrot war das Wasser, schneeweiß das kleine Boot, das auf ihm schwamm. Das Segel zeigte eine hübsche junge Frau, die geschminkten Lippen zu einem zarten Lächeln verzogen, ein Unschuldsgesicht _ das Gesicht einer Mörderin. Die Bach-Kantate "Mein Herz schwimmt im Blut" lief im Hintergrund. Was dann passierte, ist auf Fernsehbildern dokumentiert.
Der Botschafter Israels in Stockholm, Zvi Mazel, rastet aus, kippt Scheinwerfer in das Bassin, ein Kurzschluss sorgt für Dunkelheit. Unter den Buhrufen der Besucher muss Mazel die Ausstellungseröffnung verlassen. Ein Held, lobt Israels Regierung. Das Foto zeigte Hanadi Jaradat, eine 29-jährige Selbstmordattentäterin, die in Haifa im vergangenen Oktober 21 Menschen mit in den Tod gerissen hatte. Die Installation sei obszön, verherrliche die Tat der Terroristin, sagt der Botschafter.
Ein Rowdy, urteilt die schwedische Regierung und bestellt den Botschafter zum Rapport. Sein Verhalten sei inakzeptabel. Der jüdische Künstler Dror Feiler - er lebt seit 1973 in Schweden -verteidigt sein Werk: Er habe versucht, den Kreislauf des Blutvergießens zu beleuchten. Den Text der Installation, "Schneewittchen und die Wahrheit des Wahnsinns", habe der tobende Botschafter ignoriert.
Innerhalb von 24 Stunden bläht sich der rüde Akt zur Staatsaffäre auf, bei der es um weit mehr geht als Geschmack und Umgangsformen. Israels Premier Ariel Scharon spricht von Antisemitismus, schwedische Regierungsvertreter von der Freiheit der Kunst, die in Schweden "wie in allen anderen Demokratien" herrsche. Der Halbsatz wird zur Hauptaussage. Dem Vorwurf des zunehmenden Antisemitismus in Europa steht die unverblümte Kritik gegenüber, eine Demokratie könne Kunst, sei sie auch kritisch, wohl ertragen.
Der Affäre wird mit ein paar geübten Worten ein substanzloses Ende gesetzt werden. Die Hintergründe der "Kunst-Sabotage" aber zeigen, wie verständnislos Israel und Europa einander gegenüberstehen. Sie zeigen aber auch eine zunehmende Banalisierung des schwer wiegenden Vorwurfs des Antisemitismus. Die Idee, Israels Palästinenserpolitik könnte mit diesem Vorwurf gegen Kritik immunisiert werden, kann nicht aufgehen. Natürlich können sich unter dem Deckmantel der Israel-Kritik aber auch anti-jüdische Ressentiments verbergen. Der inflationäre Gebrauch des Antisemitismus-Vorwurfs darf die dringend notwendige Sensibilität dafür nicht abstumpfen.
Ärger und Betroffenheit über die drastische Installation, vor allem aber über die insinuierte "Unschuld" der Attentäterin alias "Schneewittchen", sind nachvollziehbar, vom Künstler sehnlich erwünscht. Es sei ihm um die Mechanismen des Nahost-Konflikts gegangen, sagt Dror Feiler, selbst im schwedischen Verein "Juden für einen israelisch-palästinensischen Frieden" aktiv.
Der Ärger des Botschafters aber war inszeniert, wie er selbst freimütig zugab. Die Ausstellung bildet das Begleitprogramm zu einer Konferenz über Völkermord in Stockholm, die Ende Jänner einen Zyklus beenden soll, der mit einer Veranstaltung über den Holocaust begann. Man habe mit der Installation der Forderung Israels, die Nahost-Problematik aus der Konferenz herauszuhalten, zuwidergehandelt, sagte Mazel. Die Antwort auf diese Provokation war - Provokation.
Provokant verläuft aber auch die Debatte über die Freiheit der Kunst. Flugs wurde das "Kunstwerk" von Kritikern unter Anführungszeichen gesetzt, was dessen nur vornehmlichen Kunstcharakter herausstreicht. Kann das Porträt einer Mörderin, begleitet von einer Textcollage, das mit dem Motiv des unschuldigen Opfers arbeitet, Kunst sein? Ist der, den es schmerzt, der geeignete Richter dafür? Das Historische Museum in Stockholm hielt die Installation für Kunst. Das ist zu akzeptieren. Ob sie gut ist oder nicht, ist Geschmackssache, ihre Definition als Kunst anzuzweifeln, entlarvt den Ideologen. Dieses Phänomen ist nicht nur auf Israel beschränkt.

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