"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Chancen Ferrero-Waldners sind intakt, die Zweifel auch" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 16.01.2004

Graz (OTS) - Nur kurz haben Strategen in der ÖVP damit geliebäugelt, Benita Ferrero-Waldner politisch zu entcolorieren und als "unabhängige" Kandidatin eines Personenkomitees gegen den orthodoxen Sozialdemokraten Heinz Fischer in die Arena zu schicken. Das frivole Ansinnen wurde rasch verworfen. Offenbar wollte man das Risiko, sich und die Kandidatin mit dem durchsichtigen
Manöver der Lächerlichkeit preiszugeben, dann doch nicht eingehen.

Wolfgang Schüssel ließ bei der Präsentation keine Zweifel daran aufkommen, dass Ferrero-Waldner die gewollte und von der Partei auch getragene Kandidatin der ÖVP ist. Die geballte Corona an schwarzer Prominenz, die die Außenministerin demonstrativ in die Mitte nahm, sollte Geschlossenheit und Kampfbereitschaft suggerieren. Selbst Erwin Pröll, der erst kürzlich den Kanzler maliziös daran erinnerte, dass die Kür der Kandidatin Chefsache sei und er, der Chef, für seine Entscheidung auch hafte, lächelte solidarisch in die Kameras und fügte sich der Choreographie. Die signalisierte, dass die Partei eine Niederlage bei dieser Präsidentschaftswahl keinesfalls leichtfertig oder gar billigend in Kauf möchte. Zu groß ist die Gefahr eines Domino-Effektes: In Kärnten wird für die ÖVP wenig zu ernten sein; verliert sie am selben Tag erstmals seit 1945 die Bastion Salzburg und eineinhalb Monate später auch noch das Amt des Bundespräsidenten, würde das die Partei und ihren Obmann gravierend schwächen und als atmophärische Trendumkehr zu Gunsten der SPÖ gelesen werden.

Benita Ferrero Waldner geht mit einem Rückstand gegenüber Heinz Fischer ins Rennen. Ob sie ihn wettmachen kann, wird entscheidend davon abhängen, ob sie den Makel mangelnder Krisenfestigkeit, der ihr anhaftet, glaubhaft abzuschütteln vermag.

Die Tugenden der Kandidatin sind unstrittig: Sie ist von ausgesuchter Menschenfreundlichkeit, die, wenn es sein muss, durchaus agitatorische Züge annehmen kann (Sanktionen), hat Leidenschaft, ist integrativ, weiblich und in hohem Maße sprachen-und weltgewandt und würde die repräsentativen Pflichten eines Staatsoberhauptes respektabel meistern. Aber verfügt
sie über die politische Autorität und Statur, um in einer Krisensituation instinktsicher und trittfest, ohne Anleitung eines Koadjutors, zu handeln?

Die Außenministerin weiß, dass sie hier gewisse Zweifel abzuarbeiten hat. Es ist, würde man in der Sprache der Schispringer sagen, ihr K-Punkt. ****

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