DER STANDARD-Bericht "'Werden ja sehen, ob wir für würdig befunden werden'" von Peter Mayr und Karin Moser

Ausgabe vom 15.1.2004

Wien (OTS) - "Werden ja sehen, ob wir für würdig befunden werden"

In der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft geht die Angst um: Durch die Umstrukturierung sehen viele Leiter die Existenz ihrer Institute gefährdet. Auch ÖVP-Veteran Heinrich Neisser zählt sich schon zu den Verlierern der Reform.

Peter Mayr
Karin Moser

Wien/Innsbruck - "Wir werden ja sehen, ob wir für würdig befunden werden." Der Historiker Gerhard Botz, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für historische Sozialwissenschaft, will das Ergebnis der anstehenden Evaluierung seiner Einrichtung noch abwarten. Eines weiß er aber jetzt schon: Ein Großinstitut will er vorerst nicht gründen. Er setzt auf die Gesprächsbereitschaft der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG).

Die Umstrukturierung der LBG (siehe Wissen) sorgt weiterhin für Aufregung bei den betroffenen Instituten. Der frühere Zweite Nationalratspräsident Heinrich Neisser sieht für sein eigenes Institut für Politik, Religion und Anthropologie schon schwarz. Er sei zwar um einen Zusammenschluss mit einem der anderen "Boltzmänner" bemüht, zur Not werde er aber auch im Rahmen einzelner Projekte weiterforschen: "Das kann man auch, ohne dass man ein Institut hat", sagt Neisser.

Kollege Lüder Deecke, der Leiter des Instituts für funktionelle Hirntopographie, sieht im vorliegenden Konzept den Versuch, die österreichischen Ludwig-Boltzmann-Institute mit den deutschen Max-Planck-Instituten in Verbindung zu setzen. Verständnis hat er dafür keines, da man mit der "charmanten" österreichischen Variante bisher "ganz gut gefahren" ist. Den nun verordneten "Zusammenschlusszwang" sieht er auch für sein Institut gegeben. Deecke empfindet das Vorhaben der Boltzmann-Gesellschaft als "Forschungsbehinderung", die man sich nicht "einfach so überstülpen" lassen könne.

Die Ausschreibungsrichtlinien der Umstrukturierung lösen bei vielen Befremden aus. Das Ziel ist klar: Angestrebt werde eine "Ausrichtung der Forschung mit einer mittelfristigen Nutzenperspektive in einem Ausmaß, dass die Anwender der so weit produzierten Ergebnisse genügend Anreiz haben (. . .) zu investieren", steht in dem Papier.

Das nicht alle Forschungseinheiten dem neuen Credo gerecht werden können, wird in Kauf genommen. Es heißt: "Es ist auch klar, dass viele Forschungszweige dieser sowohl inhaltlichen als auch ^institutionellen Relevanzanforderung nicht standhalten werden." Dies sei der LBG "bewusst und wird im Zuge ihrer neuen Institutspolitik auch aktiv betrieben".

Da 1,2 Millionen Euro des LBG-Budgets von der Stadt Wien kommen, fordert die Wissenschaftssprecherin der Wiener Grünen, Claudia ^Sommer-Smolik nun, dass

die Gemeinde das Geld in einen eigenständigen Wissenschaftstopf anlegen soll. Denn es sei "erschreckend, wie hier knallhart wirtschafts- und verwertungsorientiert" gehandelt werde. Sie fürchtet vor allem um die geisteswissenschaftlichen Institute.

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