"Die Presse" Kommentar: "Die Universitäten: Selbstständig - wozu?" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 13.1.2004

Wien (OTS) - Österreichs Universitäten sind seit einigen Tagen selbstständig. Ein historisches Datum. Freilich, eine Kleinigkeit haben Vater Staat und Mutter Gehrer vergessen, als sie die Hohen Schulen in die Volljährigkeit gestoßen haben: ihnen auch Sinn und Ziel ihrer Existenz mitzuteilen.
Gewiss, das wäre nicht notwendig, wären die Universitäten privatwirtschaftlich organisiert, wie es die weltweit erfolgreichsten Nobelpreisträgerschmieden sind. In Österreich ist solches aber noch undenkbar, daher bildet der elterliche Scheck weiterhin die einzig wichtige Existenzgrundlage.
Daher muss man fürchten, dass sich auch künftig Rektoren und Professoren vor allem darin üben werden, wer am lautesten nach mehr Geld schreit. Wie kleine Kinder werden sie weiter zu den Eltern weinen kommen, wenn sie ihr Taschengeld ausgegeben haben - und dann halt kein Geld mehr fürs Fensterputzen haben.
Zur Selbstständigkeit gehört auch eine im Geiste. Und die scheint bei pragmatisierten Universitätsbeamten oft ein Widerspruch in sich. Der zahlende Bürger fragt sich unabhängig von jener Jammerei, ob der Scheck für die Universitäten überhaupt richtig dotiert ist? Im Vergleich zum Ausland sind die Zahlungen großzügig. Im Vergleich zu den Bundesbahnen, die fast doppelt so viel bekommen, sind sie jedoch mickrig (daher schmecken auch die rot-grünen Tränen für die Unis nach Krokodil, denn Rot wie Grün zeigen an ÖBB-Reformen sehr wenig Interesse).
Der große Vorwurf an die Regierung ist jedenfalls nicht die Höhe des Schecks. Schlimm ist vielmehr die ziel- und vorgabenlose Vergabe der Gelder.
Auch gutwillige Uni-Führungen wissen nicht wirklich, woran ihre Leistungen eines Tages gemessen werden; ob sie überhaupt gemessen werden; oder ob sie mit dem Scheck auch ins Kasino gehen könnten und der nächste dennoch in voller Höhe ausgestellt wird.
Woran misst man aber Lehre? An der Zahl der Studenten (was den Massenbetrieb weiter fördern würde)? An der Zahl der Absolventen (was zu Billigsdorferstudien und Niveauverfall führen würde)? An der Evaluierung durch die Studenten (was sicher nur ein Teil der Bewertung sein kann)? An Tests für die Absolventen durch externe Experten (was spannend, aber ziemlich kompliziert wäre)? An Bewertungen der Absolventen durch den Arbeitsmarkt - also letztlich an den Gehältern der Jungakademiker (was noch spannender, aber im strukturkonservativen Österreich noch zu neoliberal wäre)?
Und wie bewertet man die zweite Aufgabe der Unis, die Forschung? An der Zahl der Aufsätze? An Publikationen in definierten Spitzenmedien? An Bewertungen durch ausländische Fachexperten? An der Zahl der Nobelpreise und Patente?
Die Regierung unterliegt einem argen Trugschluss, wenn sie das Kapitel Unis für erledigt hält. Das neue Uni-Gesetz ist nur der Rahmen für einen fehlenden Inhalt.
Diesen zu finden wird viel schwerer sein. Nicht nur bei uns. Europaweit brodelt es an den Unis. Die britische Regierung will die Gebühren auf 4500 Euro pro Student und Jahr erhöhen. Der deutsche Kanzler sieht die Zukunft von Forschung und Lehre primär in der Gründung von Elite-Hochschulen. Was die deutschen Studenten empört, was Experten bejubeln - sofern diese neuen Unis private Stiftungen sind, die den arbeitsrechtlichen und Mitbestimmungs-Ballast der staatlichen Universitäten los sind.
Weltweit wird immer klarer: Universitäten sind nicht zur Befriedigung der dort Angestellten und Studierenden da, sondern sie sind ein zentrales Instrument im internationalen Wettbewerb, im Kampf um den künftigen Wohlstand, um Arbeitsplätze. Und das hat der Steuerzahler, durch seine Lautsprecher Gesetzgeber und Regierung, den Unis und den Studenten glasklar mitzuteilen.
Oder soll die Elite halt weiter nach Stanford, Harvard, Brügge, Fontainebleau oder London gehen, während bei uns das Mittelmaß regiert?

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