"Kleine Zeitung" Kommentar: "Verlorenes Vertrauen" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 11.01.2004

Graz (OTS) - Sagen, was man tun will. Und tun, was man gesagt
hat. So einfach wäre es, Vertrauen zu gewinnen und zu erhalten. Dennoch ist - nicht nur bei uns - das Gegenteil zu beklagen: Die Regierenden haben das Vertrauen der Regierten verloren.

Das liegt zunächst daran, dass sich das Geschäft der Politik in der pluralistischen Mediengesellschaft verändert hat. Die alten Parteikirchen sind zerfallen, die linientreue Stammwählerschaft ist geschrumpft. Um von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, muss Politik in Szene gesetzt werden. Verpackung und Inhalt werden so abgestimmt, dass die Person und die Botschaft im Fernsehen ankommen. Möglichst kurz, möglichst grell, möglichst einfach.

Die Welt ist aber sehr kompliziert, wie ein österreichischer Bundeskanzler seufzte, der in die moderne Zeit nicht mehr gepasst hat. Da die Probleme viel komplexer sind als in der simplen Propaganda behauptet wird, entstehen bei der Umsetzung der Ankündigungen unvermeidlich Reibungen und Enttäuschungen. Der große Wurf wird im Alltag ziemlich klein. Vertrauen schlägt
in Misstrauen um. Daran haben auch die Medien ihren Anteil, die zunächst eine Person oder ein Programm bejubeln, um Person und Programm dann zu verdammen. Aus Misstrauen wird
noch Verachtung, wenn der Eindruck der Manipulation oder der Verdacht der Korruption hinzukommt.

Dieses Rollenspiel allein erklärt jedoch nicht die wachsende Entfremdung. Die Ursache liegt vor allem darin, dass die Politik zu spät und auch noch zu zaghaft auf die Veränderungen
reagiert hat. Die Trends waren schon länger ablesbar, doch ist bald nach der Jahrtausendwende der Wandel schlagartig hereingebrochen:
Wirtschaftsflaute statt Hochkonjunktur, Konkurrenzdruck von außen durch die Globalisierung, Spannung innen durch den von Überalterung und Jugendarbeitslosigkeit ausgelösten Generationenkonflikt.

Den Regierenden - nicht nur in Österreich - ist es nicht gelungen, den Regierten begreiflich zu machen, dass das bisher Erreichte nur gesichert werden kann, wenn Veränderungen vorgenommen werden. Reformen werden aber erst dann akzeptiert, wenn die Erkenntnis da ist, dass ohne Reformen der Wohlstand gefährdet ist.

Sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen, weil man ohnehin viel besser sei als der Nachbar, hemmt diesen Erkenntnisprozess. Die Probleme mit dem überforderten Sozialstaat unterscheiden sich in Österreich von Deutschland nur in der Größenordnung. Das auszusprechen, gehört zu den Voraussetzungen, um
Vertrauen für notwendige Reformen zu gewinnen. ****

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