"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Es geht um die Burg" (Von Claus Reitan)

Innsbruck (OTS) - Lassen wir uns nichts vormachen: Der Wahlkampf
um das höchste Amt im Staat ist eröffnet. Das ist so, auch wenn die formelle Nominierung von Außenministerin Ferrero-Waldner durch die ÖVP nachzureichen ist und der Fixstarter der SPÖ, zweiter Nationalrats-Präsident Heinz Fischer, erst im März seinen kurzen Wahlkampf starten will.
Wie der Wahlkampf verläuft, hängt von diesen beiden ab. Dass er nicht nur spannend wird und bedeutsam ist, hat seine Gründe im Amt, in den Personen und in der politischen Lage. Und daher ist die Wahl des Bundespräsidenten am 25. April ein Test, und zwar ein mehrfacher. Die Sozialdemokraten wollen, ja müssen geradezu, nicht nur eine Wahl gewinnen sondern tatsächlich wieder ein politisches Amt ergattern. An der Intensität der Unterstützung Fischers durch SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer wird sich messen lassen, für wie wählerwirksam die Sozialdemokraten ihren Vorsitzenden halten. Und an der Unterstützung für Ferrero-Waldner lässt sich die Einheit der Volkspartei und die Zustimmung zu Parteichef Wolfgang Schüssel ablesen.
Die Wahl wird zudem zeigen, wie sehr die politische Lagerbildung noch gültig ist und welche Stärke diese Lager haben. Da Fischer in internationalen Angelegenheiten eher zurückhaltend ist, Ferrero-Waldern hingegen eher offensiv, könnte der Urnengang am 25. April auch ein kleines Neutralitäts-Plebiszit werden. Zudem steht Fischer für die Innen-, Ferrero-Waldner eher für die Außenwirkung des Amtes in der Hofburg. Auch in dieser Hinsicht bilden die Kandidaten echte Alternativen.
Beide Kandidaten sind politische Persönlichkeiten mit Stil. Sie werden Gelegenheit haben, in einer direkten Volkswahl ohne Populismus und Untergriffe auszukommen. Und sie sollten nicht sich selbst für das Amt halten, so schwer das an einem Schreibtisch in der ehemals kaiserlichen Hofburg auch fallen mag. Denn die Demokratie bedarf der Persönlichkeiten, die eine Funktion mit beschränkter Wirkung unter der Bedingung öffentlicher Überprüfung auf Zeit übernehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für Selbstherrlichkeit ist da kein Platz. Und die Wahlbeteiligung, letzter Test, wird zeigen, ob die Wähler ein Staatsoberhaupt wünschen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion - Tel.: 05 04 03/ DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001