DER STANDARD-Kommentar "Verbockte Energie" von Gerfried Sperl

Ausgabe vom 10./11.1.2004

Wien (OTS) - Verbockte Regie

Die Kandidatin Ferrero-Waldner und das (offizielle) Zögern Wolfgang Schüssels

Gerfried Sperl

Eine Theaterrezension würde nach den jüngsten Vorstellungen der ÖVP mit dem Urteil schließen: verbockte Regie. Angefangen hat es mit der - möglicherweise kontraproduktiven - Schausberger-Aktion in Salzburg. Und jetzt, wie als Reaktion darauf, die übereilte Bildung des Werbekomitees für Benita Ferrero- Waldner. Das trägt nicht den Stempel "Wolfgang Schüssel", denn der hatte am Freitag eine ganz andere Erfolgsmeldung zu präsentieren: die Einigung in der Steuerreform.

Da half selbst die gute Idee nicht viel weiter, den Medienspezialisten Kurt Bergmann zu bitten, Licht ins Dunkel der Kandidatenwerdung zu bringen. Er tat, was halt ging: das Pro-Ferrero-Komitee kurz vor der Weihestunde für den SPÖ- Kandidaten Heinz Fischer zu präsentieren.

Schüssel und die Volkspartei haben ihre liebe Not mit der Hofburg. Vor allem weil der Parteiobmann immer noch so tut, als habe er, der große Zauberer, eine Überraschung im Zylinder. Faktum ist: Etliche Parteigranden wollten nicht mehr warten. Worauf sich Ferrero im Rundfunk outete. Und später in Interviews gleich wieder zurücknahm -sie will zwar, aber sie ist nicht "wirklich Kandidatin".

Dem gegenüber stand eine SPÖ-Gala im Museum für Angewandte Kunst, mit der es gelang, die Sprödigkeit des Politikprofis Fischer zu überspielen. Denn ein ausgefuchster Profi, das ist er. Für die Ränke rund um eine Regierungsbildung ein Qualitätsausweis. Im Wahlkampf aber geht es um Auftreten und Aufspielen. Dafür hat die Außenministerin bessere Voraussetzungen.

Heinz Fischer hat den Vorteil, dass er aus jener Partei kommt, die in den Umfragen derzeit vorne liegt - nach einem politischen Herbst, der mehr Stürme brachte als solide Ernten. Er ist als akademisch beglaubigter Staatswissenschafter fachlich für die Hofburg qualifiziert wie niemand sonst in der politischen Nomenklatur. Er ist cool. Und er hat als Nationalratspräsident das Parlament in ein gastfreundliches Haus verwandelt. Vor allem für kleine Buchverlage und große Preisträger der Republik.

Fischers Hauptnachteil: Seine Auslandserfahrung wurde von ihm selbst nie propagiert. Viele glauben, er sei gar nie weg gewesen aus Österreich. Sogar die Urlaube verbrachte der Naturfreund immer in den Bergen halbwegs zwischen Wien und Graz, seinem Geburtsort. Weshalb man am Freitag die internationalen Kontakte Länge mal Breite ins Bild rückte. Genau an diesem Punkt wird man in der ÖVP-Werbung Ferreros Qualitäten festmachen - in Verbindung mit ihrer heftigen Verteidigung Österreichs gegen die EU-Sanktionen.

Weshalb die Krisenanfälligkeit der Außenministerin kaum ein Streitpunkt sein dürfte. Eher schon die Neutralität. Sie ist eine Gegnerin, er ein Befürworter. Sie will schon lange in die Nato, er folgte immer der Mehrheit seiner Partei - und einer klaren Mehrheit in der Bevölkerung. Der Rest ist Taktik, weshalb Fischers jüngstes Lavieren ("Abschaffung der Neutralität nur dann, wenn das Volk es will") im Wahlkampf wenig helfen wird.

Wir werden eine vermutlich faire Auseinandersetzung erleben, weil beide Kandidaten nicht zu Gehässigkeiten neigen. Aus Kostengründen werden sich offizielle und werbliche Anlässe mischen. Es sieht so aus, als würde weder Ferrero von ihrem Amt als Ministerin noch Fischer von seiner Funktion im Parlament zurücktreten. Viel zu wertvoll sind die für den ORF verpflichtenden Belang-Sendungen in den "ZiBs".

Daher erübrigt sich vorläufig auch die Nachfolgefrage für das Außenamt. Schüssel will ohnehin keine zu selbstbewusste Ressortführung. Da hält er es mit Bruno Kreisky: Der eigentliche Außenminister bin ich selbst. Und das ist auch seine Vorstellung von der Hofburg: Der oder die da drüben sollen tun, was ich mir vorstelle.

Genau das aber ist Ferreros Achillessehne: Will das Volk eine Gehilfin des Kanzlers in der Hofburg? Auch wenn man weiß, dass man neuerdings am Präsidenten vorbei eine Regierung bilden kann?

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