"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Hilflos" (Von Gabriele Starck)

Ausgabe vom 9. Jänner2004

Innsbruck (OTS) - Kältetod in Tirol. Das kann nicht sein. Und doch erfroren zwei Menschen innerhalb weniger Wochen in Innsbruck: Nicht etwa bei Minusgraden verirrte Freizeitsportler, eingeschlafene Betrunkene oder einsame Obdachlose, sondern Heimbewohner. Zwei alte Menschen, die unter Betreuung standen. Das darf nicht sein.
In diesem Fall helfen weder Bergrettung, noch Selbstbeherrschung oder mehr Notschlafstellen. Hier stößt man an eine heikle Grenze zwischen Obsorge und Entmündigung. Zu Recht ist es verboten, einen Menschen einzusperren oder gar anzubinden. Lange wurde genau dies praktiziert und wird vereinzelt auch heute noch vorkommen. In Innsbruck bemühte man sich darum, die Heime von quasi geschlossenen Anstalten zu offenen Häusern umzuwandeln, und war stolz darauf. Kommt nun der Rückschlag?
Menschen im geistigen Zustand der Verwirrung haben nur noch ein Ziel - heimzukehren oder dorthin, wo sie das oft lange zurückliegende Zuhause vermuten. Tag für Tag machen sich betagte Menschen auf diesen Weg. Kaum beachtet von der Öffentlichkeit, denn sie werden vom Pflegepersonal, Angehörigen oder der Exekutive wieder heim-geschickt. Nur der Umstand, dass es Winter war und die Flucht ins Nichts zweimal tödlich endete, zeigt auf erschütternde Weise ein in der Pflegeproblematik zu wenig beachtetes Detail auf.
Hilflos sind in diesem Fall nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre Betreuer. Der Alarmchip, der in den beiden Innsbrucker Heimen verwirrten Pflegebedürftigen in die Schuhe gesteckt wird, ist keine Sicherheitsgarantie. Ein dementer Patient geht auch in Hausschuhen oder Socken. Und selbst das längst überfällige Tiroler Heimgesetz kann keine Abhilfe schaffen. Es ist mehr erforderlich als rechtliche Regelungen für Qualitätsstandards, mehr als nur eine intensivere Betreuung. Gefordert ist auch die Forschung, um auf medizinische Weise der stetig älter werdenden Bevölkerung derartige geistige Zustände zu ersparen.

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