"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Medikament Antiterror wirkte in Afghanistan teilweise" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 7.1.2004

Graz (OTS) - Die Lyrik hatte in der Weltpolitik ihre großen Tage. Als amerikanische Bomber und einheimische Kriegsherren die Taliban in Afghanistan im November 2001 von der Macht verjagten, war die Welt an einem Punkt wieder zum Positiven verändert worden. Die Menschenrechte erhielten Asyl im Land. Der neue Präsident Hamid Karsai, bekannt für seine elegante Kleidung, wurde der Armani-Präsident. Was will man mehr.

Wie bei fast allen Medikamenten kamen nach der Wirkung die Nebenwirkungen zur Geltung. Die Kriegsherren hielten weiter Hof und Gericht. Die Kriegsverlierer kämpfen mit Anschlägen um
ihre alte Macht. Und die Frauen legen ihre Burka nicht ab, und sie tun gut daran. Es wäre riskant, zu riskant für sie.

Der schlimmste Hunger wurde beseitigt. Aber der Wiederaufbau stockte. Die "Welt" und ihr Präsident Karsai regieren nur Kabul und Umgebung.

Nun hat Afghanistan eine neue Verfassung. Auch hier gilt es, den Erfolg zu würdigen. Es gibt viel schlimmere Verfassungen auf dieser Welt. Die Wirkung ist eindeutig positiv.

Aber selbst im Rechtsstaat Österreich unterscheidet der Kenner zwischen der nominalen und der realen Verfassung, zwischen den Wörtern und der Wirklichkeit. In Afghanistan dürfte der Unterschied eine ziemlich breite und tiefe Schlucht sein.

Der Islam beherrscht das Leben. Der afghanische Islam muss nicht fundamentalistisch sein wie unter den Taliban, aber westlich-liberal ist er selbst im tolerantesten Fall nicht. Nicht, weil
seine Vertreter bösartig wären. Sie sehen die Welt nur anders. So sollte man im Westen zufrieden sein, wenn in Afghanistan die Wirklichkeit nicht islamisch-gewalttätig ist. Dafür gibt es Chancen. So sollte man zufrieden sein, wenn die neuen Menschen in Afghanistan in einigen großen Städten ihr Lebensmodell leben dürfen. Auch dafür gibt es Chancen. Aber keine Gewissheiten.

Afghanistan war der erste große Schritt im Kampf gegen den Weltterrorismus. Dort regierten Osama bin Laden und ein inzwischen vergessener Mullah namens Omar. Bei allen Risiken waren
Afghanistan und seine geschundenen Menschen es wert, dass die übrige Welt für ihre Rettung zu einem großen Einsatz bereit war. Man braucht nur die Gewalt, die Hungersnot, die Unterdrückung der Frauen unter der Herrschaft der Taliban bis heute fortschreiben: dann erkennt man im Afghanistan des Jahres 2004 trotz der Schwierigkeiten den gewaltigen Fortschritt für die Menschen im Lande.

Die Wirkungen des Medikaments Antiterror waren viel wesentlicher
als die Nebenwirkungen. ****

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