"Die Presse"-Kommentar: "In Tiflis zum Erfolg verdammt" (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 7.1.2004

Wien (OTS) - Der neue Präsident Georgiens, der 36-jährige Michael Saakaschwili, wird die Gesetze der Logik außer Kraft setzen müssen. Denn diese besagen, dass Heilsbringer in einer Demokratie - und eine solche müsste Georgien werden, will der smarte Präsident seine Versprechungen einlösen - nichts verloren haben; dass eine Wahl, die mit 95 Prozent Zustimmung endet, kaum demokratischer Normalität entspricht und nahezu unerfüllbare Erwartungen weckt; dass die vorprogrammierten Enttäuschungen rasch zu Sturz und Rückschlag führen können.
Das alles bedeutet, dass der junge Oppositionelle nun vor einer schier unlösbaren Aufgabe steht: Will er alles, was er versprochen hat, durchsetzen, muss er sich einige mächtige Gruppen im Land zu Feinden machen - oder mit ihnen Kompromisse schließen, die ihn zwangsläufig kompromittieren müssen, was wiederum zur Ernüchterung seiner Wähler führen muss. Nur wenn er bei der nächsten Parlamentswahl eine ausreichende Machtbasis erhält, dann aber den Versuchungen der Macht widersteht, wird er eine Chance haben. Das Ende der Korruption, der Anfang der Marktwirtschaft, der Seiltanz zwischen den Interessen der USA und Russlands, das große politische Spiel um Öl und Pipeline und vor allem die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Mehrheit der Bevölkerung: Sollte Schakaschwili das alles nicht in kurzer Zeit schaffen, wird sich die Freude über die Wahl von Sonntag bald verflüchtigen. So ist er für seine Wähler und auch für den Westen nun zum Erfolg verdammt. Bei einem derart -im wahrsten Sinn des Wortes - überwältigenden Sieg in einem derart geopolitisch wichtigen und herunter gekommenen Land ist allerdings meist Skepsis angebracht.

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