"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn selbst die Jobvermittlung zur Schwerarbeit verkommt" (von Hellfried Semler)

Ausgabe vom 06.01.2004

Graz (OTS) - Das Arbeitsmarktservice ist ein feinfühliges Instrument, um die Lage und Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zu messen. Viel aufschlussreicher als die offiziellen Daten ist die Arbeit an der Basis. Wenn die Berater an den Schaltern am Tag 30 oder 40 und mehr Neuzugänge - so heißt das im Fachjargon -verzeichnen, dann ist das oft doppelt so viel wie vor zwei, drei Jahren. Die Jobvermittlung artet am Schreibtisch zur schweißtreibenden Knochenarbeit aus.

Mehr als 331.000 Jobsuchende (einschließlich der Schulungsteilnehmer) im Dezember ist die höchste Zahl an Arbeitslosen seit 1945. Auch mit der Zahl der Beschäftigten ist kein Staat zu machen. Sie liegt zwar mit mehr als drei Millionen Personen im Durchschnitt der letzten Jahre, aber die Zählung hat einen Haken:
Es werden Beschäftigungsverhältnisse gezählt und nicht Köpfe. Das heißt z. B., wenn jemand zwei Teilzeitbeschäftigungen nachgeht, scheint ein und dieselbe Person zwei Mal in der Statistik auf.

Ist das Heer der Arbeitslosen für die Regierung ein trauriges Faktum, sind die Beschäftigtenzahlen auch kein Grund, sich Federn an den Hut zu stecken.

Die Arbeitslosigkeit wird in Österreich weiterhin hoch bleiben. Dazu braucht man kein Prophet zu sein, es genügt, die Wirtschaftsdaten zu analysieren. Seit 2001 weisen die Industriestaaten ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,6 Prozent im Jahr aus, Österreich liegt da mit 0,96 Prozent weit zurück. Die Wirtschaftsforscher bringen es auf den Punkt: Um neue Arbeitsplätze schaffen zu können, muss die Konjunktur um zumindest drei Prozent zulegen. Heuer soll Österreich mit 1,7 Prozent nur wenig mehr als die Hälfte schaffen.

Durchgängige Aussage in allen Industrie-Umfragen ist daher auch, dass für 2004 wohl mit steigenden Aufträgen gerechnet wird, sich die Belebung aber auf die Beschäftigung nicht auswirken werde. Es wird schon als Erfolg gewertet, wenn es zu keiner weiteren Reduktion von Arbeitsplätzen kommt.

Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit hat die Regierung seit dem weltweiten wirtschaftlichen Abschwung nach dem Jahr 2000 noch immer nicht gefunden. Die SPÖ und auch die Arbeiterkammer haben da flugs einen Vorschlag zur Hand: Steuerentlastung der kleinen und mittleren Einkommen um gut zwei Milliarden Euro und eine Infrastrukturoffensive um eine weitere Milliarde könnten schnell 30.000 Arbeitsplätze generieren. Aber keiner sagt, woher dieses Geld aus einem kranken Budget kommen soll. ****

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