"Presse"-Kommentar:Mit heiterem Pessimismus in das neue Jahr (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 31. Dezember 2003

Wien (OTS) - Widersprüchliche Signale kennzeichnen diesen Jahreswechsel. Da steht auf der Seite des Optimismus die stetig wachsende und nun auch erstmals durch belegbare Daten genährte Hoffnung auf den lang ersehnten Wirtschaftsaufschwung. Dagegen stehen Katastrophenmeldungen aus allen Sphären des Lebens: Der empfindliche Dämpfer, den der gescheiterte Verfassungsgipfel dem ehrgeizigen Projekt der Europäischen Union versetzt hat; die menschliche Katastrophe der abertausenden Bebenopfer im Iran; die Gefahr einer europäischen Hysterie nach der italienischen Briefbombenserie; die angespannte Nervosität angesichts der globalen terroristischen Bedrohung.
Je nun, wird der gelassene Beobachter weise einwenden, das ganze Leben besteht aus widersprüchlichen Signalen. Hoffnungen und Enttäuschungen; Erfolge und Niederlagen wechseln ab, halten einander einmal mehr, einmal weniger die Waage.
Ja, eh. Aber es liegt nun einmal in unserer Natur, diesen Dauerwiderspruch wenigstens auf Zeit auflösen zu wollen. So sehr wir wissen, dass unsere Fähigkeit zum geglückten Leben sich an unserer Fähigkeit bemisst, solche Widersprüche auszuhalten, so bereitwillig geben wir uns der Illusion hin, dass wir uns auf Vorhersehbares einrichten können. Sei es im Guten oder im Schlechten. Selbst in der trüben Aussicht auf die Krise können wir es uns eher behaglich einrichten als in der forschen Selbstaufforderung, uns doch endlich der Widersprüchlichkeit der Welt zu stellen. So sind wir.
Diese Neigung wird durch die neue Form des Bekenntnisdrucks unterstützt, den die vollständige Mediatisierung unserer Gesellschaft hervorruft. An jeder Ecke lauert ein Mikrofon oder eine Kamera. Man hat, je nachdem, ob man als Exhibitionist, als Sozialkrüppel oder als potenzieller Superstar der übernächsten Generation identifiziert wird, bei Frau Vera, Frau Stöckl oder Frau Kiesbauer Auskunft darüber zu geben, was für einer man denn sei in Bezug - auf was auch immer. Besonders ausgeprägt ist dieser Bekenntnisdruck in Sachen Optimismus. Wer den in Zeiten der Krise aus Gründen der kollektiven Seelenhygiene verordneten Optimismus nicht teilt, wird als "Raunzer" enttarnt. Und gleich per Plakat aus der "Nichtraunzerzone", dem Spaßghetto der Konsumglückskinder ausgeschlossen. Dass das Raunzen über das Raunzen auch ein Raunzen ist, haben unsere Berufsoptimisten noch nicht begriffen. Wird schon werden.
Es ist noch nicht lange her, da hatten wir das selbe in Grün:
Damals, als sich das Konsumglücksmodell noch nicht so eindeutig durchgesetzt hatte, musste man Pessimist sein, um nicht zu den Fortschrittsidioten zu gehören. Die Meinungsführer von anno dazumal haben nicht bemerkt, dass sich ihr Beharren auf dem Pessimismus mit der Zeit in eine Art Unglücksoptimismus verwandelt hatte.
Klingt ziemlich aussichtlos irgendwie: Die Widersprüchlichkeit, die sich in allem zeigt, halten wir nicht gut aus, der Bekenntniszwang in die eine oder andere Richtung ist uns auch nicht recht.
Was also tun? Ich plädiere zum Jahreswechsel für die Haltung des heiteren Pessimismus. Wer sich darin übt, vermeidet die Enttäuschungen, die der Optimist sich laufend selbst bereitet, und bewahrt sich vor der Depression, in die der reine Pessimist fast zwangsläufig schlittert. Der heitere Pessimist rechnet mit dem Schlechten, ohne zu verzweifeln.
Weil er das Schlechte kommen sieht, sich aber nicht sofort für die Errettung der Welt "engagiert", sondern gelassen bleibt, muss er allerdings damit rechnen, für einen Zyniker gehalten zu werden. Er sollte das als Bestätigung auffassen: Der Zyniker, sagt der deutsche Philosoph Hermann Lübbe, löst den Widerspruch zwischen öffentlicher Moral und heimlicher Unmoral zu Gunsten der öffentlichen Unmoral auf. Genau das scheint die letzte Möglichkeit der Aufklärung zu sein in einer abgeklärten Welt.

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