Otto Mittmannsgruber und Martin Strauß: Passe par tout

Kunst-Plakataktion, 600 Plakate, Wien, Januar 2004

Wien (OTS) - Eine Betonmauer, auf der ein einzelner Bogen eines Werbeplakats klebt. Sind dessen andere Teile herunter gefallen und ist nur der eine noch übrig geblieben, oder sind dem Afficheur die restlichen Bogen beim Kleben ausgegangen? Wie auch immer, ein erster kurzer Blick auf diese Situation erweckt den Eindruck, ein Fehler habe sich ins Medium eingeschlichen, eine Störung sich breit gemacht inmitten der sauberen blitzblanken Oberflächen der städtischen Großplakate.

Die Homogenität in der glatten Haut der knalligen Bilder, die das Medium Großplakat auszeichnet, ist hier also unterbrochen. Stattdessen wird eine andere Oberfläche ins Bild herein geholt, die ansonsten von den Plakaten gerade überdeckt oder kaschiert wird und ausgespart bleibt - die der Stadt, der Mauern des städtischen Umfelds ringsum. Auf ungeschönte Weise wird da - Pars pro toto - ein Stück dieser architektonischen Haut vorgestellt, noch dazu stark vergrößert, so dass all ihre kleinen Wunden, die Unebenheiten und ausgebesserten Löcher im Putz, gut sichtbar werden.

Der erste Eindruck einer Störung des Mediums sowie der ästhetische Bruch zur gewöhnlichen Werbegrafik machen wiederum das an sich ganz unspektakuläre Bild einer grauen Mauer extrem auffällig. Die Mauer ist der Hintergrund für den einen Bogen aus dem Werbeplakat, das Plakat selbst aber ist einfach verschwunden - bis auf diesen einen Rest. Dieser Rest jedoch ist der wesentliche Teil bei allen kommerziellen Plakaten und aus den verwendeten Werbesujets wird deshalb immer jeweils derjenige Bogen geklebt, der das Unternehmenslogo oder Markenemblem trägt. Die Logos wechseln zufällig, die Mauer jedoch bleibt immer gleich.

Allgmein gilt ja: Logos sind Passepartouts, sie passen und sie finden sich überall. So auch hier. Aber was hat das Logo jeweils mit dieser Mauer zu tun? Die autonome Signifikanz wie gleichermaßen die Beliebigkeit in der Platzierung der Markenlogos wird betont. Zudem ist das Leerräumen der Werbefläche - bedenkt man die mittlerweile allumfassend gewordene Besetzung des öffentlichen Raums mit kommerziellen Images - auch ein kleiner Beitrag zur Beruhigung der Stadt, zu einem kurzen Abstandnehmen. Und womöglich bremst dieser Fremdkörper, das große Bild einer grauen Mauer inmitten der poppigen Werbegrafik, uns in unserer städtischen Eile und zieht uns in seinen Bann. Wie sagt der Maler Luc Tuymans: "Um etwas zu zeigen, male ich viel weg".

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