"Presse"-Kommentar: "Das Böse in Zeiten der Katastrophe" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 29.12.2003

Wien (OTS) - Katastrophen wie jene von Bam bleiben unfassbar. Obwohl, oder vielleicht weil wir pausenlos mit ihren Bildern konfrontiert werden. Die 20.000 Toten, die in den ersten Stunden nach dem Beben als maximale Opferzahl angenommen worden waren, in Wahrheit aber eher die Untergrenze darstellen dürften: Wer kann sie einordnen in den Lauf der Dinge?

Niemand kann das, und darum herrscht, wie Helfer berichten, in jenen Vierteln der Stadt, die von dem Beben weniger stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, rege Betriebsamkeit. Viele von uns haben die Erfahrung in persönlichen, familiären Katastrophensituationen gemacht: Das Unfassbare ist sehr oft nur durch die Betonung des Alltäglichen erträglich zu machen.
Die Reflexion der Katastrophe bleibt zunächst den Nicht-Betroffenen vorbehalten, findet also auf der politischen Ebene statt: Wäre das Unglück zu verhindern oder wenigstens die Hilfe besser zu organisieren gewesen? In totalitären Staaten ist die Kommunikation das zentrale Problem: Wo Katastrophen von Amts wegen nicht aufzutreten haben, gibt es bei der Reaktion Probleme.

Die iranische Führung hat nach der Tragödie von Bam rasch um Hilfe gebeten und auch das Angebot der USA angenommen. Beides, dass die Amerikaner Hilfe angeboten haben und dass der Iran sie akzeptiert hat, zeigt, wie relativ unser Begriff des "Bösen" angesichts der Katastrophe ist. Es wäre - wissend, dass Teheran Hilfe aus Israel nicht akzeptieren würde - naiv, daraus zu schließen, dass alles gut wird. Aber es ist wichtig, gelegentlich daran erinnert zu werden, dass alles gut werden könnte.

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