"Kleine Zeitung" Kommentar "Das Prestigeobjekt Chipcard, das zum Schietrn verurteilt ist" (Von Claudia Gigler)

Der elektronische Krankenschein als bürokratische Missgeburt -Ausgabe vom 22.12.2003

Graz (OTS) - Vor viereinhalb Jahren rief das österreichische Parlament das elektronische Zeitalter aus. Heute weiß der Bürger immer noch nicht mehr, als dass es irgendwann einmal eine Chipcard anstelle des Krankenscheins geben soll. Wieso schafft der Hauptverband nicht, was inzwischen jede mittelgroße
Handelskette locker bewältigt?

Nichts dokumentiert die Behäbigkeit des österreichischen Gesundheitswesens deutlicher als die Misserfolgsgeschichte des Chipcard-Projekts. Allein bis die Frage geklärt war, ob die Daten offline oder online abgerufen werden, ob
also jeder Arzt einen Computer haben muss, zogen Monate ins Land. Die Frage, welche Daten auf der Karte letzten Endes gespeichert werden sollen, ist bis heute nicht gelöst. Für den Anfang wird es die Minimalvariante werden: ein Code, der den Datentransfer ermöglicht, wie bei der Bankomatkarte
also.

Kein Wunder, dass die Banken Morgenluft wittern, auch wenn sie nach außen hin Zurückhaltung signalisieren. Der elektronische Krankenschein für jedermann, verbunden mit einer Bankomatkarte für alle? Die Aussicht, die
Abhängigkeit des Bürgers vom Staat zu einem tauglichen Instrument für die endgültige und totale Durchdringung des Marktes nützen zu können, ist verführerisch.

Im Moment sieht es nicht so aus, als ginge der Hauptverband diesen -für ihn sicher billigsten - Weg. Unter anderem deswegen, weil das Projekt inzwischen zu einer Prestigeangelegenheit geworden ist: Zu viele erfolglose Anläufe wurden schon unternommen, als dass man sich das endgültige
Scheitern eingestehen möchte.

Unterdessen ist ein edler Wettstreit darüber im Gange, wer es als Erstes schafft, den Bürger auf den Zubringer zum elektronischen Verwaltungsdaten-Highway zu lotsen. Aufgrund des Herummurksens der Sozialversicherungen hat
sich nämlich das Innenministerium mit seinen Bemühungen um eine Bürgercard für elektronische Amtswege wie Steuererklärungen verselbstständigt, was dazu führen wird, dass der Bürger mindestens zwei E-Cards seiner Obrigkeit
mitführen müssen wird, zusätzlich zur ebenfalls signaturfähigen Bankomatkarte und den ungezählten privaten Kundenkarten.

Von der Chipcard-Gebühr dürfte man sich ohnehin verabschiedet haben. Es darf davon ausgegangen werden, dass der Patient dennoch zur Kasse gebeten wird: Selbstbehalte, die nicht aus dem Börsel heraus beglichen werden
müssen, sondern automatisch per Chipcard abgebucht werden, lassen die Politiker hoffen, dass sie als nicht ganz so schmerzhaft empfunden werden.

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