"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Offensive Flucht" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 18. Dezember 2003

Innsbruck (OTS) - Ein Skandal um den möglichen Missbrauch von Kindern durch einen Priester erschüttert die katholische Kirche. Wieder einmal.
Es geht um Vorwürfe brutaler Züchtigungen und sexueller Übergriffe, die, so sie zutreffen, strafrechtlich möglicherweise nicht mehr relevant sind, weil sie zu lange zurückliegen. Moralisch verjähren solche Ereignisse jedoch nie. Zumal nicht, wenn Kinder betroffen sind. Und erst recht nicht, wenn diejenigen, die Gewalt ausüben, Repräsentanten der katholischen Kirche sind.
Das Verhältnis der Kirche zur Sexualität ist ein nach wie vor ungeklärtes. Und es ist nicht zu leugnen, dass das System des Zölibats problematische Anteile der sexuellen Identität von Priestern geradezu fördert.
Die Herde der schwarzen Schafe umfasst weltweit unzählige Köpfe. Die erschreckende Häufung von Fällen in jüngerer Zeit ist aber wohl nicht auf eine objektive Zunahme der Missbräuche zurückzuführen, sondern darauf, dass immer weniger Menschen bereit sind, Kleriker für die irdischen Vertreter Gottes zu halten und sie auf eine Stufe mit ihm, also außerhalb jeder Kritik zu stellen. Lange Jahre war die Taktik der Kirche, Vorwürfe nicht einmal zu ignorieren oder schlimmstenfalls verdächtige Pfarrer, Erzieher etc. ein paar Kilometer weiter in die nächste Pfarre, ins nächste Internat zu versetzen. Spät, aber doch hat man begonnen, sich auf die schmerzliche Wirklichkeit einzustellen, Anlaufstellen für Opfer zu schaffen und so etwas wie Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.
Raimund Schreier, zum Beispiel, Abt des Stiftes Wilten, hat am Dienstag mitgeteilt, er habe "moralische Gewissheit" erlangt, dass die Vorwürfe gegen seinen Mitbruder stimmten. Ist Schreier damit in vorbildhafter Weise in die Offensive gegangen oder hat er lediglich die Flucht nach vorn angetreten, als der Skandal nicht mehr zu vertuschen war? Diese Frage ist - und zwar losgelöst vom aktuellen Fall - die Nagelprobe für die Glaubwürdigkeit der Kirche.

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