"Die Presse" Glosse "Umnachtet auf der ORF-Bühne" (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 18.12.2003

Wien (OTS) - Der Rückfall kam überraschend, aber er war irgendwann zu erwarten. Bei seiner Pressekonferenz am Montag hatte es Jörg Haider noch ausgehalten, nur kurz war sein Verlangen aufgeflackert, als er die Festnahme seines Freundes Hussein mit "Ich war nicht dabei" kommentierte. Am Dienstag konnte sich Haider nicht mehr zurückhalten. Ihm falle die Wahl zwischen Bush und Hussein wirklich schwer, erklärte er in der "ZiB2", und Diktaturen gebe es ja auch in China und Israel . . .
Die Sucht, mittels rhetorischer Unsäglichkeiten nicht nur lokal zu provozieren, war zu groß. Haider musste ihr nach - für seine Verhältnisse - langem Entzug wieder nachgeben. Den Dealer spielte der ORF, er bot ihm, dem Landespolitiker, die Bühne für den Vortrag seiner weltpolitischen Verschwörungstheorien. Minutenlang ließ ihn der öffentlich-rechtliche Sender spinnen. Notwendige Einwände, etwa dass Israel und die USA Demokratien seien, blieben zunächst aus. Die Reaktionen sind natürlich ablehnend. Auch FP-Politiker gingen von Pein berührt auf Tauchstation. Haiders Schwester rang sich eine mitleidige Verteidigung ab: Er habe einen "besonderen, persönlichen Zugang zur arabischen Welt". So kann man politische Umnachtung auch umschreiben. "Bitte ignorieren!" möchte man rufen. Aber der Mann ist gewählter Landeshauptmann. So muss sich jeder distanzieren, auch die Regierung. Und hoffentlich der Kärntner Wähler.

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