DER STANDARD-Kommentar "Doppelgänger" von Samo Kobenter.

Ausgabe vom 18.12.2003

Wien (OTS) - Doppelgänger

Samo Kobenter

Jörg Haider weilt nicht mehr unter uns. Das merkt man besonders im langsam in Fahrt kommenden Kärntner Landtagswahlkampf. Da treten zur Zeit vier Doppelgänger auf, die dem Landeshauptmann wie aus dem Gesicht gerissen gleichen: Jodel-Jörg, Model-Jörg, Dodel-Jörg und Rodel-Jörg. Ihrem Einsatzgebiet entsprechend, agieren sie in verschiedenen Adjustierungen: Jodel-Jörg sorgt im Trachtenjanker im Bierzelt für Stimmung. Model-Jörg trifft man in lässigen Designerklamotten in den angesagtesten Bars und Discos rund um den Wörther See, Rodel-Jörg pflegt auf den Skipisten den Einkehrschwung.

Bloß Dodel-Jörg läuft in letzter Zeit etwas aus dem Ruder. An und für sich legt er seine Rolle ja so an, wie er genannt wird: Ein bisschen motzen, stänkern, anecken und krakeelen, die "Privilegienritter" und Großkopferten anbellen, das kommt gut. Der Dodel des kleinen Mannes eben. Das bringt Schlagzeilen und fördert die politische Peristaltik: In regelmäßig abgehaltenen öffentlichen Sitzungen wird ausgeschieden, was zuvor hineingestopft wurde. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen, und alle dürfen dabei sein.

Nur manchmal, da fängt sich der Dodel-Jörg selbst nicht mehr ein, von anderen ganz zu schweigen. Dann fährt er kurz nach Bagdad, um sich beim anderen Doppelgänger zu erkundigen, wie der seine Rolle anlegt. Oder er vergleicht den US-Präsidenten mit dem Original seines Doppelgänger-Kollegen, ohne darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, wenn man ihn mit seinem Original vergleichen würde. Aber das geschieht ohnehin schon lange nicht mehr. Denn, wie gesagt, Jörg Haider weilt nicht mehr unter uns. Unbestätigten Gerüchten zufolge wurde er zuletzt durch Bagdad irrend gesichtet. Auf der Suche nach dem Original. Dem des anderen Doppelgängers.

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