"Die Presse" Kommentar: "Russische Wahlbomben" (von Burkhard Bischof)

Ausgabe vom 6.12.2003

Wien (OTS) - Es ist irgendwie bezeichnend für Putins Russland,
dass vielen Beobachtern nach dem gestrigen Terroranschlag auf einen Vorortezug im Nordkaukasus der Spätsommer 1999 einfiel. Damals, als eine Horrorserie von Anschlägen Russland erschütterte und den zweiten Tschetschenien-Krieg, den Aufstieg Wladimir Putins an die Spitze der Macht sowie die Etablierung einer neuen Kreml-nahen Partei einleitete.
Bis heute sind die damaligen Täter nicht gefunden. Obwohl der Terror sofort Tschetschenen in die Schuhe geschoben wurde, gab es Hinweise, dass die Täter in den Reihen des russischen Sicherheitsapparates zu finden sein könnten. Aber auch wenn der gestrige Anschlag bei den Wahlen am Sonntag vor allem der Kreml-nahen Partei "Einiges Russland" zugute kommen dürfte: Vieles spricht dafür, dass wirklich Tschetschenen das Blutbad verursacht haben.
Vier Jahre, nachdem er als großer Feldherr in den zweiten Tschetschenien-Krieg gezogen ist, hat Putin im Nordkaukasus nichts Positives bewirkt: die abtrünnige Republik ist verwüstet; sein heuer installiertes Marionetten-Regime wird von der Mehrheit der Tschetschenen abgelehnt; die tschetschenische Bevölkerung ist ebenso verwildert wie die russischen Sicherheitskräfte - und immer mehr brutalisiert dieser Krieg auch die ganze russische Gesellschaft. Davon freilich war im Wahlkampf so gut wie nie die Rede.

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