Wiener Jugendanwalt: Neue Strategien gegen Kindesmisshandlungen

Höhere Strafen zu fordern, ändert nichts

Wien (OTS) - Aufgrund der Berichte über die schwere Misshandlung des 10jährigen Mädchens durch Stiefmutter und Vater in Wien ist der allgemeine Aufschrei und die Forderung nach höheren Strafen für die vermeintlichen Täter zwar verständlich, aber zwecklos. Viele Menschen machten ihren Ärger Luft und rufen in der Kinder- und Jugendanwaltschaft an und fordern eine härtere Vorgangsweise bei der Bestrafung von Kindesmisshandlung.****

Aber, so der Wiener Kinder- und Jugendanwalt Anton Schmid, Misshandlungen von Kindern sind bei uns - zwar nicht in diesem erschreckenden Ausmaß - noch immer Bestandteil der Erziehung bzw. des Umganges mit Kindern. Und das sei der entscheidende Punkt:
Kinder, die nicht den Erwartungen von Eltern und anderen Erwachsenen entsprechen (weil sie
laut sind, frech sind, nicht gleich folgen, aus Angst Unbedachtes tun, lügen, weinen etc.) werden mit körperlicher und/oder seelischer Gewalt "erzogen".

Was zu tun sei, um dieses kalte Klima gegen Kinder zu beenden, sieht der Jugendanwalt in folgenden Maßnahmen:

- alle (auch Eltern), die Gewalt an Kindern ausüben, müssen sich an einem neu zu schaffenden, verpflichtenden Anti-Aggressionstraining beteiligen, ansonsten gibt es hohe Geldstrafen oder bei Eltern scharfe Konsequenzen seitens des Jugendamtes

- konsequentes Vorgehen gegen alle, die Kinder misshandeln und nicht erst bei sichtbaren Verletzungen

- öffentliche Ächtung von Gewalt an Kindern durch Öffentlichkeitskampagnen im Ausmaß vergleichbar mit dem Aufwand wie bei Anti-Raucherkampagnen, Verkehrssicherheit, Licht ins Dunkel, etc.

- rechtliche Besserstellung von Kindern durch die Aufnahme der Kinderrechte in die Verfassung

Erst wenn die Menschen im Kopf wirklich davon überzeugt wurden, dass Gewalt nicht mehr Bestandteil von Erziehung sein darf, werden brutale und auch tägliche Kindesmisshandlungen selten werden.
Es gilt nicht höhere Strafen für Kindesmisshandlung zu fordern, sondern Alternativen zur Gewalt zu lernen.

Auch die g´sunde Watschen sei Kindesmisshandlung, so der Jugendanwalt abschließend, und sie steht - nicht immer, aber meistens - am Beginn einer Misshandlungstragödie für Kinder.

Rückfragen & Kontakt:

Kinder- & Jugendanwaltschaft Wien
Herr Dr. Anton Schmid
Tel: (++43-1) 1708

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