"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Nicht wegschauen!" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 5. 12. 2003

Innsbruck (OTS) - Entsetzen und Abscheu. Diese Reaktionen lösen so unendlich traurige Geschichten wie jene des Mädchens in Wien aus, das von seinem Vater und dessen Frau beinahe zu Tode gefoltert wurde.

Was sind das für Un-Menschen, die ihre Kinder fesseln und systematisch verprügeln? Was muss in einer erwachsenen Person vorgehen, dass sie ein ihr anvertrautes Kind nicht beschützt und umsorgt, sondern mit dem Bügeleisen verbrennt?

Die Würde des Menschen ist unteilbar. Egal, wie alt oder wie jung er ist. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen seelisch und körperlich zu misshandeln. Auch nicht und erst recht nicht, wenn dieser Mensch ein Kind ist, das nicht weggehen, das nicht zurückschlagen, das sich nicht wehren kann - und das in seiner tief verzweifelten Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit nicht anders kann, als sich erst wieder an seine Peiniger zu wenden.

Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen und nach bestem Wissen und Gewissen Autoritäten für sie zu sein. Aber Eltern haben nicht das Recht, ihre Kinder autoritär zu knechten, sie lieb- und respektlos zu behandeln oder gar zu züchtigen.

Mag sein, dass ein Mensch nicht für sein Leben geschädigt bleibt, wenn der überforderten Mutter oder dem genervten Vater einmal - wie es gemeinhin beschönigend heißt - die Hand ausrutscht. Aber gesund ist nicht einmal eine einzelne Watsche, geschweige denn wiederholtes Schlagen.

Das steht theoretisch längst außer Streit. Praktisch betrachten immer noch zu viele Menschen Misshandlungen als legitimes Erziehungsmittel. Und zu selten fühlt sich jemand im Umfeld -Verwandte, Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer - der geschundenen Kinder aufgerufen, etwas zu unternehmen. Wegzuschauen ist einfacher als sich in eine ungute Geschichte hineinziehen zu lassen. Wegzuschauen ist aber auch ein unentschuldbarer Beitrag zu Kinderleid.

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