"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der nationale Kunstgerichtshof hat in Graz viel Macht verloren" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 03.12.2003

Graz (OTS) - Nur wenige Kulturhauptstädte haben es verstanden, ihren temporären Status dahingehend zu nutzen, sich mit einer qualitätsvollen Infrastruktur auszustatten, der die Stadtlandschaft nachhaltig prägen wird, und gleichzeitig Kulturschaffende aus aller Welt anzuziehen", schrieb das französische Nationalblatt "Le Monde" über Graz.

"Die freiluftige Grazer Kulturkollektivierung ermutigte durch ihre völlige geistige Schwellenlosigkeit jedermann nicht nur zum gafferhaften Konsum, sondern auch zum unbedarften Diskurs", schrieb der österreichische "Standard"

Selten zuvor hat ein Ereignis den medial reflektierten bzw. verordneten Kulturbegriff so auseinanderklaffen lassen wie das Programm der Kulturhauptstadt Graz 2003.

Wer bis dahin Salzburg, Bayreuth, Wien und eventuell ein paar ambitionierte Elfenbeinturm-Symposien als (seine) Welt betrachtete, verstand in Graz naturgemäß die Welt nicht mehr.

Wer indes kühn genug war, seinen Kulturbegriff in den sozialen Umraum zu erweitern, fühlte sich von Graz so richtig verstanden.

Erwähnenswert ist vielleicht der Umstand, dass internationale Großmedien mit fast schon verblüffendem Enthusiasmus auf das Treiben an der Mur reagiert haben. Während speziell Wiener Zeitungen mit säuerlichem Duktus ihre Kommentare absonderten. Aber möglicherweise führte da ihr Schutzpatron Sacher-Masoch bisweilen die Feder.

Es ist definitiv ein kultureller Akt, die Mur als Spiel- und Lebensraum in die Stadt zurückgeholt zu haben. Es ist ein bemerkenswerter Erfolg von Stadtkultur, rund um Insel und Kunsthaus einen bereits jetzt schon leidenschaftlich benützten neuen Bezirk geschaffen zu haben. Es war ein sozio-kulturelles Kunststück, mit einem Projekt wie "Berg der Erinnerungen" eine Stadt Geschichte von unten schreiben zu lassen.

Dass die ebenso bombastische wie anspruchsvolle Lektion "Der Turmbau zu Babel" 116.000 Interessenten anlockte, ist nicht wirklich ein überzeugender Beleg für "gafferhaften Konsum". Und Kunstschaffende wie Neuwirth, Furrer oder Weibel bieten auch wenig Material für unbedarften Diskurs.

Aber darum geht es auch nicht: In Graz hat der nationale Kunstgerichtshof viel an Macht verloren. Und die harschen Urteile seiner Richter sind wohl auch als Angstschreie zu deuten, dieser Machtverlust könnte nicht auf Graz beschränkt bleiben, sondern sei womöglich ein Trend.

Die gute Nachricht zum Schluss: Es ist so. ****

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