"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mutprobe in Bagdad gegen die Irak- Müdigkeit der Amerikaner " (von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 29.11.2003

Graz (OTS) - US-Präsident George W. Bush hat Schneid, das muss
man ihm lassen! Mit seiner "Air Force One" mal eben zum Truthahnessen mit "seinen" Soldaten nach Bagdad zu düsen, war eine große Geste und auch mutig. Der Kriegsschauplatz Irak, wo mehr als 300 US-Soldaten getötet wurden, ist schließlich ein heißes und lebensgefährliches Pflaster.

Natürlich war die Bush-Visite Kalkül. Das Truthahnessen fand am Thanksgiving-Tag, dem amerikanischen Erntedankfest und dem noch vor Weihnachten wichtigsten Familienfeiertag der
Nation statt. Und das gemeinsame Essen mit flammender Rede und
Gebet war zeitlich so eingerichtet worden, dass die Fernsehberichte die heimatliche Nation beim eigenen Festessen
erreichten. Dass die zunehmend Irak-Kriegs-müder werdenden Amerikaner ihrem Präsidenten darob Respekt zollten, war wohl gewollt. An dieser Absicht ist auch dann nichts auszusetzen,
wenn die Mutprobe unter Präsidentschaftswahlkampf und Beeinflussung der innenpolitischen Diskussion subsumiert werden muss.

Mehr als eine Fußnote ist aber die Tatsache, dass Bushs Stippvisite in der Höhle des Löwen von einer Frau erzwungen wurde. Hillary Rodham Clinton, die Senatorin von New York und ehemalige First Lady, verbrachte den Thanksgiving-Tag mit US-Soldaten im auch nicht gerade friedfertigen afghanischen Kabul. Und für den Tag darauf hatte sie sich bei den Soldaten inBagdad angesagt.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die Schreckensvorstellungen im Weißen Haus auszumalen: Die Fernsehbilder einer US-Soldaten in Bagdad Mut machenden und Bush-kritischen Demokraten-Politikerin hätten die Nation danach fragen lassen, wo sich der nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 panikartig durch die US-Lande gegeisterte Präsident denn
gegenwärtig wieder versteckt halte. Und noch lauter wäre gefragt worden, warum der Oberkommandierende bislang an keiner einzigen Trauerfeier für US-Soldaten teilgenommen hat. Die
Antwort kennt jeder: Politiker lassen sich gern in Siegerposen besichtigen, aber nicht bei Trauer, Pleiten und Pannen.

Mit dem Blitzbesuch in Bagdad hat Bush einen Image-Schaden verhindert. Aber politisch-strategisch hat der Bagdad-Trip nicht das Geringste verändert. Die Sicherheitslage ist so chaotisch
wie zuvor, die Lebensumstände der Iraker weiter schlecht. Das alles reduziert den Wert des Besuches auf eine mutige Geste und eine Emotionen ansprechende kalkulierte Demonstration,
was man zu anderen Zeiten "Propaganda" nannte. ****

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