"DER STANDARD"-Kommentar: "Entlastung an der Truthahn-Front" von Christoph Winder

Ausgabe vom 29./30.11.2003

Wien (OTS) - Entlastung an der Truthahn-Front

Bush ist ein guter PR-Coup gelungen. Die politischen Nebenkosten bleiben aber

Christoph Winder

Alle Achtung: Wenn es einen Oscar für die beste politische Inszenierung des Jahres gäbe, die Dramaturgen des Weißen Hauses hätten ihn sich redlich verdient. Wie George W. da am Donnerstag wie zufällig in den Flughafen von Bagdad hereingeschneit kam (für irakische Witterungsverhältnisse vielleicht nicht das beste Wort) und mit dem Gebaren eines unbedeutenden militärischen Unterläufels die Truthahnschenkel aus der Gulaschkanone schöpfte - das hatte große darstellerische Klasse.

Fast hätte man glauben können, Bush habe Jahre in der Army zugebracht (stimmt nicht: Er hat es in der heiklen Vietnam-Zeit vorgezogen, seinen Militärdienst bei den Texas Rangers abzudienen). Die Produktion herzerwärmenden Gemeinschaftsgefühls ist jedenfalls eine Disziplin, auf die sich gerade eine so heterogene Nation wie die amerikanische verstehen muss (und auch so gut versteht) wie kaum eine andere. Dafür bot die denkwürdige Thanksgiving-Feier in Bagdad erneut ein festliches Beispiel.

Freilich bewegte sich auch diese - für Bush nicht ganz risikolose -Veranstaltung, wie schon viele andere seit dem 11. 9. 2001, in einem Reich der Unschärfe zwischen hehrem nationalem Interesse und kleinlichem parteipolitischem Kalkül. Bush mag mit seiner Blitzvisite die Moral der Truppe gestärkt haben - aber unter wahlstrategischen Gesichtspunkten hat er auch vielfach sich selbst genutzt.

Der Flug nach Bagdad war zunächst ein banales politisches Entlastungsmanöver. Seit Wochen überziehen seine demokratischen Kontrahenten Bush mit Vorwürfen, er kümmere sich zu wenig um die Soldaten - was unter anderem damit zu tun hat, dass die Rückführung der Gefallenen und Verwundeten in aller Heimlichkeit erfolgt und sich Bush bei keinen Trauerfeierlichkeiten blicken ließ. Diese Vorwürfe haben nun an Schärfe verloren.

Zweitens liefert sein Iraktrip einprägsames Bildmaterial für die Fernsehwahlkämpfe 2004, in denen der Krieg ein gewichtiges Thema sein wird. Die richtige Gestaltung und Positionierung der TV-Spots - die Wahlstrategen nennen das sinnigerweise "Airwars" - ist ein Moment, das wie kein zweites über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Drittens soll das Motiv "Bush mit Truthahn" ein älteres Bild vergessen machen: Anfang Mai war eine überoptimistische Crew von Bushs Politdramaturgen auf die Idee gekommen, den Präsidenten in "Top Gun"-Pose auf einem Schlachtschiff vor einem "Mission erfüllt"-Banner auftreten zu lassen. Dieses hohle Standbild wäre beste Wahlkampfmunition für die Demokraten gewesen - jetzt wird es von der Thanksgiving-Aktion an den Rand gedrängt.

An der Heimatfront hat diese Aktion zunächst im Sinn von Bush funktioniert: Das zeigte sich an den konfusen Reaktionen der Demokraten, die entweder schwiegen, Bush zähneknirschend lobten oder sich darauf beschränkten, in der undankbaren Rolle des Beckmessers an Details der Reise herumzumäkeln. Ob nun demnächst, nach der demokratischen Nichtkandidatin Hillary Clinton am Freitag, auch die Kandidaten Wesley Clark, Howard Dean und Co für eine gute Foto-Opportunity in den Irak fliegen?

Bush wird, so gelungen sein PR-Coup auch gewesen sein mag, die Dividende seines Thanksgiving-Engagements nicht ohne politische Nebenkosten realisieren können. Einige Mitglieder des Regierungsrates waren erzürnt darüber, dass sie von dem Besuch nicht informiert worden waren. Vor allem aber hat Bush sein politisches Schicksal nun noch enger als bisher mit dem Irakkrieg junktimiert - mit allen Risiken, die dies bedeutet.

In der virtuellen Schlacht der Bilder mögen seine Spin- Doktoren weit gehend die Kontrolle behalten. Im Irak aber dominieren Unwägbarkeiten, die auch die mächtigste Armee der Welt nicht beherrschen kann. Ob Bush 2004 als Sieger aus den Wahlen hervorgeht, hängt nicht nur vom Geschick seiner Berater, sondern auch von den vielen unkalkulierbaren Zufälligkeiten ab, die die dortige Entwicklung bestimmen werden.

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