Grüne Gentechnik: Koexistenz derzeit nicht sinnvoll

Mit der Umsetzung der Koexistenz zwischen gentechnischer und konventioneller/biologischer Landwirtschaft sollte noch zugewartet werden

Wien (OTS) - Im Rahmen des Workshops "Praktische Umsetzung der Koexistenz - Vision oder Fiktion ?" diskutierten gestern in St. Pölten Landwirte und AgrarexpertInnen, ob Koexistenz zwischen gentechnischer und konventioneller/biologischer Landwirtschaft mithilfe der Leitlinien der Europäischen Kommission in der Praxis realisierbar sei. Im Laufe der lebhaften, aber sachlichen Diskussion plädierte die Mehrheit der TeilnehmerInnen dafür, mit der Umsetzung der Koexistenz noch zuzuwarten. Begründet wurde dies mit hohem Kontrollaufwand, der ungelösten Haftungsproblematik, derzeit fehlenden Vorteilen gentechnischer Produktion für Bauern und Konsumenten sowie noch ungeklärten Fragen der landwirtschaftlichen Praxis.

Die EU-Leitlinien zur Koexistenz bezeichnete Bio-Landwirt Markus Schörpf von der "Initiative Waldviertel" als prinzipiell geeigneten Ausgangspunkt. Allerdings müssten sie zu praxisgerechten und verbindlichen Regeln ausgebaut werden. In die gleiche Richtung argumentiert auch Andreas Graf von der Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern: "Wir fordern praktikable und umsetzbare Haftungsrichtlinien." Für Kontaminationen auf umliegenden Feldern durch gentechnisch veränderte Organismen (GVO) sollten nur jene Landwirte haftbar sein, die den Vorgaben für eine "gute fachliche Arbeitspraxis" nicht entsprechen. Derzeit gebe es keine verbindlichen Regelungen zur Haftungsproblematik auf EU-Ebene.

Koexistenz bedeutet ein "friedliches Nebeneinander" von verschiedenen Produktionsweisen. Ob dies selbst mit ausgereiften Richtlinien möglich sein wird, blieb Kernpunkt der Diskussion. Befürchtet wird eine Verschlechterung des Klimas zwischen Landwirten, die GVO einsetzen wollen und solchen, die weiterhin gentechnikfrei produzieren möchten. "Der Friede auf den Dörfern könnte belastet werden", so der Landwirt Hubert Stenner aus dem deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz. Seine Erfahrungen mit einem Freisetzungsversuch gentechnisch veränderter Zuckerrüben auf seinen Feldern stimmten die TeilnehmerInnen nachdenklich. Eindrücklich beschrieb Stenner sowohl die aufwändigen, praktischen Maßnahmen, die zur sicheren Durchführung des wissenschaftlichen Versuchs mit GVO-Anbau notwendig gewesen waren als auch seine persönliche Belastung und Auseinandersetzung mit Gentechnik-Kritikern.

Dass die nachbarschaftliche Zusammenarbeit durch die Koexistenz erschwert werden könnte, sieht auch Gernot Ertl vom Maschinenring Weinviertel. Ein Landwirtschaftsfahrzeug, mit dem GVO bearbeitet wurden, direkt danach in einem gentechnikfrei produzierenden Betrieb zu benutzen, erscheint angesichts enger Schwellenwerte kaum realisierbar - denn GVO-Verunreinigungen sind nicht ausschließbar.

Vor zu hohen Schwellenwerten für GVO-Anteile in Saatgut warnte Leopold Girsch, Institutsleiter an der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES). "Der Grenzwert für die Kennzeichnung von Lebensmittel als GVOhältig liegt bei 0,9% - da bleibt nur mehr ein geringer Spielraum für die Landwirtschaft", erläutert Girsch. Die Landwirte befürchten, dass die entstehenden Schwierig-keiten auf sie übergewälzt werden. "Das Problem ist, dass Agrar-politik für den vor- und nachgelagerten Bereich (Saatguterzeugung und verarbeitende Industrie) gemacht wird, denn dort wird das große Geld gemacht", machte ein Bio-Landwirt seinem Ärger Luft.

Die strikte Trennung landwirtschaftlicher Produktionsschienen kristallisierte sich in der Diskussion als Hauptproblem heraus. Erfahrungen aus kontrolliert gentechnikfreier Produktion, von denen Gabriele Moder (AgroVet) berichtete, veranschaulichten den hohen Aufwand getrennter Produktionsweisen. Vertreter der verarbeitenden Industrie wie Christoph Henöckl vom Futtermittelwerk Garant Austria bestätigten, dass die Verarbeitung von GVO-hältigen und gentechnikfrei produzierten Produktionsschienen in derselben Fabrik unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht möglich sei.

Zur Frage, ob sich der Anbau von GVO für den einzelnen Landwirt denn bezahlt mache, resümierte Hubert Stenner als einer, der bereits praktische Erfahrungen damit sammeln konnte, folgendermaßen:

"Gentechnisch veränderte Pflanzen müssen einen finanziellen Anreiz bieten; allerdings könnte der Mehraufwand für die Umsetzung der Koexistenz diesen Vorteil wieder ausgleichen". Letztlich werde wohl der Konsument entscheiden, so das Fazit der Diskussionsbeiträge.

Koexistenz erwies sich in der Diskussion also vor allem als ökonomisches Thema. Unter der Voraussetzung, dass detaillierte rechtlicher Regelungen geschaffen werden, sei sie zwar für manche Pflanzen durchführbar, aber nicht wirklich praktikabel. Einig waren sich die TeilnehmerInnen, dass die Problematik der Koexistenz für jede Pflanze detailliert betrachtet werden müsse. Für Raps mit hohem Auskreuzungspotenzial wird Koexistenz ohne Verunreinigung umliegender Saaten nicht erreichbar sein, für Zuckerrüben oder Kartoffeln sei sie durchaus vorstellbar. Letztlich sprachen sich etliche TeilnehmerInnen dafür aus, den status quo - kein gentechnischer Anbau in Österreich -beizubehalten und gleichzeitig verbindliche Rechtsvorschriften anzustreben, mit denen gentechnisch veränderte Produkte später in die Landwirtschaft integriert werden könnten.

Der Workshop "Praktische Umsetzung der Koexistenz - Vision oder Fiktion ?" wurde von dialog<>gentechnik in Kooperation mit dem NÖ Bauernbund veranstaltet und fand in der NÖ Landeslandwirtschaftskammer in St. Pölten statt. Die Veranstaltung wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen finanziell unterstützt.

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