"Die Presse"-Kommentar: "Georgien: Die wahre Revolution" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 24. 11. 2003

Wien (OTS) - Eindrucksvolle Szenen, die da vom Ostende des
Schwarzen Meers zu uns kommen. Die Georgier bahnen durch unblutigen, aber energischen Protest der Demokratie die Bahn. Noch finden sich etliche Fragezeichen, es gibt aber wenig Zweifel, dass Eduard Schewardnadses Rücktritt ein endgültiger ist.
Déjà vu. Ähnliche Vorgänge haben wir in den letzten 15 Jahren freilich schon oft mit Begeisterung verfolgt - und dann zunehmend frustriert beiseite geschoben. Denn eine funktionierende Demokratie entsteht nicht im begeisterten Taumel des Diktatorensturzes, sondern erst in den langweiligen Mühen der Ebene.
Sie entsteht nur durch das, was man Zivilgesellschaft nennt. Also wenn Zöllner und Polizisten nicht durch Banknoten lenkbar sind. Wenn Richter Recht und nicht Sympathie sprechen. Wenn Ärzte auch ohne Bestechung operieren. Wenn sich jeder einzelne Beamte am Gemeinwohl und nicht am Eigenwohl orientiert. Wenn Unternehmer nicht automatisch als Mafiosi gelten, sich selbst aber auch entsprechend verhalten, also etwa ihre Gewinne im Land lassen und nicht auf Schweizer Bankkonten oder in Wiener Luxusläden. Wenn die Rechtsordnung allen Bürgern als etwas Sinnvolles und Notwendiges, nicht Aufgezwungenes gilt.
Die wahre Revolution liegt noch vor den Georgiern, vor allen jenen, die jetzt den Abgang des einstigen Oberreformers Schewardnadses so laut bejubeln.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001