"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Türkei muss sich der Solidarität Europas sicher sein" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 21.11.2003

Graz (OTS) - Die Türken fürchteten den Terror der Kurden. Vor dem islamischen Terror fühlten sie sich geschützt. Türken würden das nie tun. Um so größer war jetzt der Schock. Auch Türken sind zu diesem blindwütigen, mörderischen Fanatismus fähig.

Der Schock trifft ein Land, das seit den Reformen von Kemal Atatürk am Ende des Ersten Weltkrieges hin und hergerissen wird zwischen Abendland und Morgenland. Es ist ein Zwischenreich mit kräftigen Abstufungen. Es gibt eine europaverträgliche Türkei im Westen und in Istanbul. Es gibt eine tief islamische, orientalische Türkei in Anatolien und im Osten, die mit Europa kaum etwas gemein hat.

Die Türkei wurde auch im österreichischen Bewusstsein ein Reiseland des Mittelmeeres. Kein Urlauber hat beim Buchen die Vorstellung, er fahre nach Asien, wenn er auf dem östlichen Strand des Ägaischen Meeres sein Hotel wählt. Die türkische Küste ist genauso selbstverständlich ein Angebot wie die spanische oder griechische. Zugleich leben Millionen Türken in der EU. Die Mehrheit von ihnen lebt "unauffällig" und ist tüchtig. Auch für sie ist Europa nichts Fremdes. Das Netzwerk Türkei-Europa ist dicht geknüpft.

Die Türkei wurde im letzten Jahrzehnt viel europäischer, als die Kritiker des Landes in Europa - auch Österreicher mischen da oft populistisch mit - gerne behaupten. Der als islamistisch geltende neue Regierungschef Recep Erdogan erwies sich als energischer Wegbereiter nach Europa. Er setzte im Parlament Reformen durch, die die Macht des Militärs begrenzten und so die politische Demokratie festigten. Zugleich muss man immer noch sagen, dass die Türkei weniger europäisch ist als es für einen raschen EU-Beitritt nötig wäre.

Im Kampf gegen den Terror muss sich die Türkei der europäischen Solidarität gewiss sein. Es könnte durchaus sein, dass der islamische Terror die Türken beschleunigt auf die europäische Seite der Welt wechseln lässt.

Für Europa wäre eine Türkei, die bei uns verankert ist, wesentlich wertvoller als eine Türkei, die freundlich nach Osten schaut und feindlich zu uns. Diese strategische Festlegung zählt mehr als die vielen Einzelprobleme, die eine Türkei in Europa ohne Zweifel verursachen würde.

Die Türken haben jetzt erfahren, dass der harte Kern des islamischen Terrors die Türkei nicht verschonen wird. Die Ablehnung des Irak-Krieges von George Bush zählt bei den Terroristen nicht viel. Sie haben andere Frontlinien gezogen: Wer nicht mit uns bombt, wird von uns bombardiert. ****

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