Demel-Betriebsrat: Wiener Tradition lässt grüßen - zum Abschied?

Demel-Betriebsrat schickt offenen Brief

Wien (ANG/ÖGB). Der Betriebsrat der K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel wendet sich heute mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit. Ziel ist für Betriebsratsvorsitzende Herta Schleiffer, in eine Diskussion einzusteigen, die Demel-Besitzer Attila Dogudan bis dato verweigert hat.++++

Herta Schleiffer richtet den Brief an Wiens Bürgermeister Dr. Michael Häupl, an den Wiener Kulturstadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny, an das Wirtschaftsministerium (Tourismus), an das Wiener Kulturamt, an Christian Konrad, Aufsichtsratspräsident der Raiffeisen Zentralbank, an Kultur-Staatssekretär Franz Morak und an die Wirtschaftskammer Wien, Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft.

Der offene Brief im Wortlaut:

Wiener Tradition lässt grüßen - zum Abschied?

Hat die Tradition im Demel in der heutigen Zeit noch Gültigkeit? Nachdem wir, die Demelbelegschaft, schon einige Besitzer der K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel mit mehr oder weniger einschneidenden Veränderungen überlebt haben, scheint es jetzt durch den Besitzer Attila Dogudan doch an die Substanz der Tradition des Hauses zu gehen.

Der erste Salon, der seit über 100 Jahren für den Servicebereich genutzt wurde, in dem die hohe Gesellschaft vergangener Epochen ihren Platz fand, wo Künstler und Schriftsteller saßen, dessen Schönheit und Beliebtheit bis in die heutige Zeit gerettet wurde, hat seine Bestimmung verloren. Er soll ab Dezember 2003 als Verkaufsraum dienen. Der traditionelle Verkaufsraum mit seinen prunkvollen Büffets, der die Gäste immer wieder in großes Staunen und Verzücken versetzt, wird einer italienischen Kaffeebar weichen müssen.

Werden wir Demelinerinnen, die teilweise schon jahrzehntelang im Demel beschäftigt sind, an Alter und Fülle zugenommen, noch Gültigkeit haben? Passen die Demeltracht (ganz in schwarz gehalten mit weißem Kragen), die sich von jeder anderen Berufskleidung abhebt, oder die Demelsprache ("Haben schon gewählt") zu einer Kaffeebar -oder werden wir in Zukunft von jungen, zum Großteil geringfügig beschäftigten, sozial schlecht abgesicherten "Do & Co Mädchen" abgelöst? Der Trend in diese Richtung ist schon jetzt merkbar.

Erwirbt jeder neue Besitzer des Demels gleichzeitig einen Freibrief, das Haus so umzugestalten, wie es ihm beliebt, oder kann man von ihm auch im Sinne Österreichs eine gewisse Sensibilität und Verantwortung gegenüber einem der letzten traditionellen Betriebe erwarten?

Ist der Demel im wirtschaftlichen Sinne wirklich nur positiv zu führen, indem man ihn "modernisiert" und der schnelllebigen Zeit angleicht? Bekommt er dadurch nicht eher ein Ablaufdatum?

Da dem Betriebsrat der K.u.K Hofzuckerbäckerei Demel von Herrn Dogudan jeglicher Dialog verweigert wird, stellen wir diese Fragen einer breiten Öffentlichkeit, da es nicht alleine in unserer Macht liegt, diese Veränderungen zu verhindern. Unsere Sorge gilt nicht nur der Belegschaft, sondern auch dem Traditionsunternehmen. Es wäre schade, würde der Demel zwar dem Namen nach existieren, seine Identität im Hause aber gänzlich verloren gehen.

Herta Schleiffer, Betriebsratsvorsitzende

ÖGB, 20. November 2003
Nr. 973

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BRV Fa. Demel
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