Reaktion der Wiener auf möglichen vertragslosen Zustand: Weniger Arztbesuche - Teil 1

OGM-Umfrage: Die Hälfte der Wiener weiß über Vertragskündigung Bescheid - Hauptschuld wird bei der Bundesregierung gesehen

Wien (OTS) - Die Reaktion der Wienerinnen und Wiener auf den drohenden vertragslosen Zustand ab 1. Jänner 2004 in Wien ist klar:
Sie werden weniger und vermehrt nur mehr bei starken Beschwerden zum Arzt gehen. 55 Prozent der Befragten würden zudem weniger Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen. Und 38 Prozent würden vermehrt auf die Ambulanzen ausweichen. Das ergab eine von der Ärztekammer für Wien in Auftrag gegebene und vom Meinungsforschungsinstitut OGM durchgeführte Befragung von 500 repräsentativ ausgewählten Personen in Wien.****

Jeder zweite Wiener (52 Prozent) hat von der Kündigung des Kassenvertrags gehört. Ebenso viele wissen, dass die Patienten im Fall eines vertragslosen Zustands die Arztrechung selbst bezahlen und danach zur Rückerstattung des Kassentarifs bei der Wiener Gebietskrankenkasse einreichen müssen. Wichtigste Informationsquellen dabei sind die Medien (78 Prozent). An zweiter Stelle rangiert die Ärzteschaft (26 Prozent). Weit abgeschlagen: Die Wiener Gebietskrankenkasse, von der sich nur 7 Prozent informiert fühlen.

Ärztekammerpräsident Prim. MR Dr. Walter Dorner dazu: "Im Fall eines vertragslosen Zustands bleiben die Wiener Ärztinnen und Ärzte die wichtigsten Ansprechpartner für die Patienten. Im Gegenzug scheint die Wiener Gebietskrankenkasse ihrer Informationspflicht aber nicht nachzukommen." Die sei umso verwunderlicher, als doch gerade die Gebietskrankenkasse als kündigender Vertragspartner hier eine besondere Informationspflicht hätte, so Dorner.

Auch die "Schuldfrage" am drohenden vertragslosen Zustand wurde von OGM abgefragt. Das doch überraschende Ergebnis: Nicht die Wiener Gebietskrankenkasse (14 Prozent) oder der Hauptverband (8 Prozent) werden als "Hauptschuldige" angesehen, sondern die Bundesregierung mit 40 Prozent. Dorner: "Die Patienten ziehen scheinbar direkte Schlüsse zur Regierung, wenn in der Öffentlichkeit von Rationierungen und Versorgungsengpässen im Gesundheitswesen gesprochen wird."

Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem nimmt ab

58 Prozent der Wienerinnen und Wiener sind mit der Gesundheitsversorgung in Wien "sehr zufrieden", jeder dritte (33 Prozent) ist "eher zufrieden". Nur 8 Prozent der Befragten äußerten Unzufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung in Wien.

Im Vergleich zum Jahr 2001 (ebenfalls OGM, Anm.) hat sich die hohe Zufriedenheit jedoch abgeschwächt. 2001 waren noch 65 Prozent der Bevölkerung mit der Gesundheitsversorgung "sehr zufrieden", also um sieben Prozentpunkte mehr. Dorner sieht die Gründe dafür in der anhaltenden öffentlichen Diskussion über die Finanzierungsproblematik. Ein weiterer Grund für Dorner ist auch die in letzter Zeit eher negative mediale Berichterstattung über das Wiener Gesundheitssystem, vor allem über die Vorfälle im Geriatriezentrum am Wienerwald.

Bestätigt wurde mit der OGM-Umfrage aber einmal mehr das hohe medizinische Niveau der Medizin Weltstadt Wien. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Befragten ist der Ansicht, dass die Gesundheitsversorgung in Wien im Vergleich zu den anderen Bundesländern besser ist. Dorner: "Wir sehen uns in unserem Weg bestätigt. Wien ist Weltstadt und hat diesen Ruf auch zu verteidigen. Eine Reduktion von niedergelassenen Allgemeinmedizinern oder Fachärzten, wie dies die Gebietskrankenkasse fordert, würden unsere Patienten einfach nicht verstehen. Die Wienerinnen und Wiener sind genauso stolz auf unser System wie wir Ärzte."

Ein interessantes Detail: Vor allem jüngere und gebildetere Befragte sehen Vorteile des Wiener Gesundheitssystems im Vergleich zu den anderen Bundesländern.

Patienten gegen Leistungskürzungen

Einsparungen und Kürzungen der Leistungen für die Patienten werden mehrheitlich abgelehnt. Von allen abgefragten Varianten einer Leistungskürzung werden eine Reduktion der Zahl der Kassenärzte (84 Prozent Ablehnung) und eine Kürzung von Vorsorgeprogrammen (85 Prozent) am deutlichsten zurückgewiesen. Es überrascht auch nicht, dass höhere Leistungen durch die Patienten zur Sanierung der Krankenkasse ebenfalls mehrheitlich abgelehnt werden. Alle abgefragten Varianten (weitere Selbstbehalte, Erhöhung der Krankenscheingebühr auf 7,3 Euro, Erhöhung der Rezeptgebühren auf 5,8 Euro) werden mehrheitlich abgelehnt.

Als dritte Alternative zur Sanierung des Kassensystems wurden verschiedene Varianten der Kassenfinanzierung durch die gesamte Bevölkerung abgefragt. 83 Prozent antworteten auf diese Frage, dass sie sich am ehesten eine Erhöhung der Steuern auf Tabak und Alkohol mit direktem Zufluss in das Gesundheitssystem vorstellen können. Ebenfalls deutliche Zustimmung findet eine allgemeine Erhöhung der Kassenbeiträge um ungefähr 9 Euro pro Monat für Durchschnittsverdiener (74 Prozent).

Die Zustimmung zu einer moderaten allgemeinen Beitragserhöhung hat seit dem Jahr 2001 leicht zugenommen und zieht sich relativ gleichmäßig durch alle Bevölkerungsgruppen. Dorner: "Seit Jahren propagiert die Ärztekammer diese Einsparungsvariante. Auch der Vorschlag der gesundheitsbezogenen Abgabe von Tabak und Alkohol ist seit langem in unserem Forderungskatalog zu finden. Doch die Regierung legt sich noch immer quer, wenn es um Beitragserhöhungen geht, obwohl bereits die Oppositionsparteien einen solchen Schritt andenken. Wir wissen jedenfalls, dass die Wienerinnen und Wiener eine solche solidarische Einsparungsvariante befürworten." (bb)

(Forts.)

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