"Kleine Zeitung" Kommentar: "'Pudel' Blair hat mit 'Herrchen' Bushs Besuch wenig Freude" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 20.11.2003

Graz (OTS) - George Bushs Staatsvisite in England kommt Tony
Blair ungelegen.

Die britische Königin hat in ihrer bereits mehr als 50jährigen Regentschaft schon viele Staatsbesuche empfangen. Ein amerikanischer Präsident war aber noch nicht darunter - meint zumindest der Buckingham Palast. Denn wohl habe die Queen allen US-Staatsoberhäuptern von Henry Truman bis George Bush senior die Hände geschüttelt - aber streng protokollarisch seien das keine offiziellen Staatsbesuche gewesen.

Warum ausgerechnet George Bush junior nun die Ehre zu teil wird, mit allem monarchischen Pomp als Staatsgast empfangen zu werden, darüber rätseln nicht nur Millionen Briten, sondern sie sind hellauf empört.

Londons linker Bürgermeister Ken Livinstone formulierte den allgemeinen Bush-Frust sehr drastisch: "Dieser Mann ist die größte Bedrohung für das Leben auf unserem Planeten!" Und Boulevard-Zeitungen wie der "Mirror" riefen dem Mann aus Amerika zur Begrüßung in Balkenlettern zu: "Bush off!" - ein Wortspiel mit dem Verbum "Push off - hau ab!" Mindestens 100.000 Friedensaktivisten, Anarchisten und Krawallmacher werden heute zu einer Massenkundgebung gegen Bush erwartet.

Den US-Präsidenten wird das kalt lassen. Er wird morgen wieder zurück nach Washington fliegen und alle die Pracht, mit dem ihm das Empire huldigte, für eine Politur seines mittlerweile auch in den USA ramponierten Images nützen.

Nicht aus London flüchten kann hingegen Tony Blair. Für Bushs treuen Irak-Kriegs-Partner, von der britischen Presse deshalb als "Georges Pudel" gehämt, kam die Visite des US-Präsidenten zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Gerade erst war es ihm gelungen, die lästigen Fragen rund um die Kelly-Affäre, den wahren Irak-Kriegsgrund und das Fehlen jeglicher Massenvernichtungswaffen im Irak einzudämmen und wieder auf Innenpolitik umzuschalten. Da taucht George W. in London auf - und mit ihm der Irak-Krieg mit all seinen hässlichen Facetten.

Ein britischer Kolumnist hat geschrieben, Tony Blair würde jetzt wohl "am liebsten in seinem Amtssitz in der Downing Street 10 das Licht ausdrehen und so tun, als wäre er nicht zu Hause". Aber Bair muss gute Mine zum bösen Spiel machen und Bush und dessen Besuch verteidigen. Anderenfalls wäre es um seine politische Glaubwürdigkeit wohl endgültig geschehen.

Dabei haben der rechtskonservative US-Präsident und der sozialdemokratische britische Premier wohl kaum Gemeinsamkeiten. Aber eine verbindet sie: Ihrer beider politisches Schicksal ist eng mit dem Irak verknüpft. ****

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