"Die Presse" - Kommentar: "Verlorene Kinder" von Thomas Kramar

Ausgabe vom 20.11.2003

Wien (OTS) - Den "Tag der Rechte des Kindes" sollen wir heute begehen, sagt die UNO. Gestern, Mittwoch, wurde gegen einen Mann ein Haftbefehl ausgestellt, der die Kinder geradezu ins Zentrum seiner Kunst gestellt hat, der immer wieder aufs Rührseligste erklärt hat, wie er sich selbst in den Kindern finde: Michael Jackson. Seine "History" widmete er in Allvater-Pose "all my children of the world", und noch auf seiner letzten, erfolglosen Platte gab er sich als Schirmherr der "Lost Children". Man belächelte das, spottete über die skurrile Figur des Ex-"King-of-Pop", über den Möchtegern-Peter-Pan, der sich die Lock-Zuckerl nicht mehr leisten könne.
Dass gegen ihn schon 1993 wegen Verdachts des Kindesmissbrauchs ermittelt wurde, dass dieser schwere Vorwurf nie wirklich entkräftet wurde - die Pop-Community schien's nicht zu kümmern. Dass Jackson selbst angab, ihm zugeführte Kinder in sein Bett mitzunehmen - die "Reality-TV"-Welt sah es als Schrulle, vielleicht als Teil der Image-Arbeit an einem Star im Sturzflug. Abgestumpft von 20 Jahren Jackson-Neurosentheater vergaß man, dass - wenn vielleicht auch nicht mit brutaler physischer Gewalt verbundener - Kindesmissbrauch genau die Seelenwunden erzeugt, über die Jackson, selbst ein geprügeltes Kind, immer offener sang. Er hat uns die Psychoanalyse leicht gemacht - und zu Recht um Mitleid gebeten. Doch das Mitleid mit den Kindern, denen er sich im Gewand des guten Onkels näherte, ging im Wirbel des Pop-Business unter.

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