Schlingensief über Abgänger aus seiner Jelinek-Produktion

Burgschauspieler als fettige Schweinsbraten, Manker als Volkstheaterdirektor, Marboe, Haider, Zadek und Bondy

Wien (OTS) - Der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief, der derzeit für das Burgtheater Elfriede Jelineks Irakkrieg-Attacke "Bambiland" inszeniert, meldet sich in der morgen erscheinenden NEWS-Ausgabe mit einem heftigen Rundumschlag zur Situation des Theaters und der Politik.

Schlingensief über Burgschauspieler, die während der Probenarbeit aus der Produktion ausgeschieden sind: "Vier sind gegangen, allerdings kehren zwei gerade wieder zurück. Ich schließe also nicht aus, dass am Ende wieder alle dabei sind. Zusätzlich haben sich nun drei weitere Burgschauspieler angeboten. Das wäre das erstemal, dass ich mehr Darsteller bei der Premiere haben würde als zu Beginn der Proben." Aber: "Mir geht es darum, eine fast schon automatisierte Figur als Substitut für sich selbst zu erschaffen. Dazu muß man sich aber selber erst mal erleben und zulassen. Zwei meiner Darsteller waren nur zu irgendwelchen Witzchen bereit und haben diese in Trance befindliche Situation gestört. Ich kann einen Schauspieler, der sich nicht in die Offensive bewegen will, nicht zwingen, auf dem Nürburgring anzutreten. So viele Zündkerzen kann ich gar nicht auswechseln (...) In einigen Aufführungen in Wien habe ich Schauspieler gesehen, die wie ein superfettiger Schweinsbraten auf der Bühne rumstanden und sich ganz toll fanden. Die sollte man alle abholen und schlachten. Und mit dem Fett könnte man den Vögeln über den Winter helfen. Mehr nicht. Wien ist ein riesiges, großartiges Theater, wo die Toilettenfrau manchmal wesentlich besser spielt als der Oberstaatsschauspieler."

Schlingensief weiter in NEWS: "Ich verachte das herkömmliche Theater. Es ist überholt und musste auch anlässlich des Irakkrieges wieder einmal offenbaren, dass es am Ende ist. Außer Anti-Kriegs-Lesungen habe ich keine Bezugnahmen wahrgenommen. (...) Wenn Klaus Bachler mich an die "Burg" holt, dann gehe ich von seiner Bereitschaft aus, genau da mit zu kämpfen. Die bildende Kunst hat da einen Anfang gemacht: In der Tate Gallery wird ein Film von Paul McCarthy gezeigt, in dem einem amerikanischen Präsidenten 30 Minuten lang das Bein abgesägt wird. Kein System ist allerdings soweit wie die Politik. Die bietet inzwischen die besten Inszenierungen. Das ist ganz großes Theater. Nur das Theater hat selbstverliebt verschlafen, hat sich auf Texte eingelassen, um sie mit kleinen Menschendarstellern zu reflektieren (...) Gäbe es wenigstens Intendanten, die scharfzüngig und anstiftend agierten. Wo sind denn die selbsternannten Revoluzzer geblieben, Herr Peymann? Lotto spielend im Altersheim, ausgebaute Dachgeschosswohnung. Nein, wir müssen auf dem Theater alles tun, dass die 20jährigen ins System reinkommen. Und nicht erst, wenn sie 20 Jahre durchgehalten haben. Auch auf die Gefahr hin, dass es peinlich wird. Peinlichkeit hat viel mit Ehrlichkeit gemein."

Die Tatsache, dass er auch in Wien geistig Behinderte ins Ensemble geholt hat, kommentiert er in NEWS so: "Einige meiner langjährigen Weggefährten werden mitspielen. Eine reine Konzessionsentscheidung, weil ich Peter Marboe und Jörg Haider nicht bekommen habe. Sie stehen meinem "Burg"-Ensemble gleichberechtigt gegenüber (...) Wenn ich anschließend aus den Proben komme und im Fernsehen "Starmania" betrachte, dann braucht mir niemand mehr zu beantworten, wer hier behindert ist. Da schwelgt ein zugeschminkter Boris Becker in gemeinsamen Erinnerungen mit einer komplett veredelten Balletttänzerin, da arbeitet die Feldbusch ihre Schwangerschaft auf, da sucht Bohlen die beste Matratze unter den Popsternchen und findet Daniel Küblböck, der bei der Wahl der wichtigsten Deutschen gerade Platz 16 belegt hat. Noch vor Mozart! Die Behinderten, die gar keine sind, werden hingegen mit Spritzen still gehalten. Sie sind in sich aber viel klarer und authentischer, als wir es jemals sein werde (...) Aber sie werden immer umgebaut. Nur die Schüssels und Haiders, die es nötig hätten, die werden nicht umgebaut."

Als Volkstheaterdirektor wünscht sich Schlingensief Paulus Manker und würde bei ihm gern auch inszenieren: "Ein Klasseschauspieler, der eben obsessiv an seine Arbeit geht. Ich fand seine "Alma" großartig und würde sofort bei ihm arbeiten."

Schlingensiefs Konklusio: "Ich kann kein psychologisches Theater einüben, weil ich ihm nicht traue. Wenn Herr Bondy seine Psychologie aufbaut, haben die Schauspieler ein Glas Whisky in der Hand, das eigentlich Tee ist. Daher sind sie nicht betrunken und auch nicht in der Nervenkrise, und nachher gehen sie in die Kantine und schießen sich ab. Warum nicht gleich auf der Bühne? Wir sind nach dem Irak-Krieg an einem Punkt wie vor 1945. Die Zerstörung ist schon spürbar, nur können wir sie nicht annehmen. Deshalb brauchen wir "Superstars" im Fernsehen, Schwarzenegger als Gouverneur, Bondy & Konsorten im Theater. Wir brauchen alle Ablenkungen, die es gibt, weil wir nicht zugeben wollen, dass wir uns wahnsinnig getäuscht haben und dass uns das, fast schon spürbar, die Zukunft einreißen wird."

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