DER STANDARD, Kommentar von Samo Kobenter: "Sollen sie doch"

Wien (OTS) - Den Reflex konnte man in den vergangenen Jahren für österreichische Verhältnisse ungewöhnlich oft beobachten. Kaum kündigt die Gewerkschaft einen Streik an, folgt ein kollektiver Aufschrei: "Ja, dürfen s’ denn das?" Es ist der Regierung zu verdanken, dass er jetzt gedämpfter klingt, denn mittlerweile beginnen sich die harmoniesüchtigen Österreicher daran zu gewöhnen.

Dabei verliert man leicht aus den Augen, dass die Verhältnisse längst nicht mehr so sind, wie es die meisten wünschen und
wie sie die Sozialpartner über die Jahrzehnte hinweg befestigt haben. Da mögen die Gewerkschaftsbosse noch so schäumen -
die Regierung hat die Sozialpartnerschaft in das Abstellkammerl der Geschichte entsorgt. Das mag man bedauern - und einige in der ÖVP soll es noch geben, die das tun -, am Faktum ändert es nichts. Die einzige halbwegs funktionierende Tempobremse, die den dahinbrausenden schwarz-blauen Reformkarren ab und zu stoppt, wird vom Verfassungsgerichtshof betätigt.

Das könnte auch bei der ÖBB-Reform der Fall sein, großen
Trost dürften die Gewerkschafter daraus nicht ziehen. Sie mögen doch streiken, solange sie wollen, lässt ihnen Vizekanzler
Hubert Gorbach ausrichten. So viel können Verzetnitsch und
Co gar nicht schlucken, um diesen Ausfluss an alemannisch-abgeklärtem Absolutismus nicht in die falsche Kehle zu bekommen. Im Kontext mit Gorbachs hingeworfenem Halbsatz, dass man natürlich über die Privatisierung der aus der ÖBB herausgelösten Töchter nachdenke, werden das die Gewerkschaften als ultimative Kampfansage interpretieren. Was immer sich Gorbach dabei gedacht hat, die konsensuale Problemlösung, die er nach eigenem Bekunden stets im Sinn hat, dürfte ihm nicht vorgeschwebt sein. Die Auseinandersetzung hat erst begonnen.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel: +43-1-531 70

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001