Pittermann und Gehmacher präsentieren neue Drogenstudie

Wien (OTS) - Derzeit findet internationale Tagung von Sucht- und Präventionsfachleuten zur Vorbereitung der EU-Erweiterung in Wien statt. Der "Dialog", eine der größten Wiener Beratungs- und Betreuungseinrichtungen für Süchtige und Angehörige von Drogenabhängigen, veranstaltet am 13. und 14. November 2003 in Wien die internationale Tagung "Beyond Borders - Perspectives of Regional Cooperation in Treating Addiction". ExpertInnen aus Österreich, Tschechien, Slowakei und Ungarn referieren über gesundheitspolitische Strategien, regionale Probleme und bewährte Praxismodelle zum Thema Sucht und Prävention. Durch den Austausch von Konzepten und die Präsentation von "Best-Practice-Modellen" soll die Zusammenarbeit intensiviert und dem Suchtproblem möglichst schon vor dessen Entstehung begegnet werden.

Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Pittermann meinte am Donnerstag hierzu: "Drogenpolitik muss grenzüberschreitend sein, ein regelmäßiger Gedankenaustausch ist daher notwendig. Wir wissen, dass die Ausgrenzung von Drogenkranken vorerst einmal im Kopf stattfindet. Es ist im Interesse aller, dass die bestmöglichen Aufklärungs-, Präventions- und Behandlungsmethoden europaweit angewendet werden."****

Das Drogenproblem in der öffentlichen Meinung

Der renommierte Österreichische Sozialwissenschafter Prof. Ernst Gehmacher führte, gemeinsam mit dem "Dialog", ein Forschungsprojekt durch, das zusätzliche Aspekte über den Umgang mit dem Suchtproblem in der Region Zentral-Osteuropas und die Einstellung der Österreichischen Bevölkerung in die Tagung einbringt.

Einige Details der Studie

Suchtmittel und Drogen werden in Österreich von 80 Prozent der Erwachsenenbevölkerung über 15 Jahren als bedeutendes Problem gesehen - nur 5 Prozent meinen, das sei kein wirkliches Problem. Dabei unterscheidet man mehrheitlich deutlich zwischen den harten Drogen wie Heroin, Kokain, Amphetamine, Ecstasy und den legalen Suchtmitteln Alkohol und Nikotin. Von harten Drogen, meint man, kann man schon bei geringem Konsum Schaden nehmen. Trinken und Rauchen werden erst bei starkem Konsum gefährlich, meint man - oder überhaupt nur bei Suchtkranken. Haschisch liegt in der öffentlichen Meinung zwischen diesen beiden Gruppen, es wird sogar von 15 Prozent für überhaupt nicht sehr gefährlich angesehen - was bei allen anderen Suchtmitteln kaum angenommen wird.

Sucht ist eine erlebte Bedrohung. Fast ein Drittel (31 %) gab an, selbst Erfahrung mit Suchtverhalten zu haben - die Hälfte davon konnte sich die Sucht wieder abgewöhnen, die andere Hälfte bekämpft sie noch. Mehr als die Hälfte (52%) kennt nahestehende Personen, die süchtig sind.

Doch Sucht ist kein Schicksal, meint man. Eine starke Mehrheit (83 %) ist überzeugt, dass es junge Menschen gibt, die gegen Suchtmittel gefeit sind, weil sie so gefestigt und sozial eingebunden sind, dass sie der Verführung widerstehen. Eine knappe Mehrheit (51 %) glaubt sogar, dass diese Sucht-Resistenten mehr als die Hälfte der jungen Leute ausmachen. Dem entspricht die Ansicht, dass Drogensucht vorwiegend durch Verführung im Freundeskreis (48%) und durch die Händlerszene (39%) entsteht. Erst in zweiter Linie gibt man Schwierigkeiten und Krisen (in der Jugend 23%, in Beruf und Partnerschaft 14%, in der Familie 13%) die Schuld. Nur 5 Prozent glauben an angeborene Veranlagung als wesentlich für Suchtverhalten. Alkoholismus erklärt man ähnlich.

Der Staat und öffentliche Einrichtungen sollten mehr gegen das Suchtproblem unternehmen! Das ist die fast einhellige Meinung. Bei Opiaten und Heroin wünschen 82% mehr Aktivität, bei Alkohol 59 % und bei Haschisch und Nikotin etwa 40%. Mehr tun, sagen alle. Aber beim Was scheiden sich die Geister. Die "Harten" wollen striktes Konsumverbot und strenge Bestrafung des Handels und meinen, es würde weniger Drogenkonsum geben, wenn es mehr Disziplin gäbe. Die "Sanften" plädieren eher für Vorbeugung und Behandlung und heißen auch die Abgabe von Drogen an Suchtkranke gut, um die Kriminalität einzudämmen - und sind eher der Ansicht, Drogenkonsum und Süchtigkeit wären seltener, wenn es weniger Stress, Vereinsamung und Überforderung in unserer Gesellschaft gäbe. In dieser Polarisierung spiegeln sich Persönlichkeit, Werte und politische Weltbilder. Doch stellt es den Österreichern ein gutes Zeugnis aus, da eine starke Mehrheit die Balance zwischen repressiven und liberalen Maßnahmen befürwortet. Die extremen Einstellungen sind in der Minderheit.

EU-Beitrittsländer - "Ostregion"

Umfangreiche Recherchen haben es möglich gemacht ein Bild von den nationalen Drogenstrategien und Drogenproblemen der Beitrittsländer Tschechien, Ungarn und Slowakei zu zeichnen:

Das Verhältnis Drogensüchtiger zur Gesamtbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren wird auf 0,5% in der Tschechischen Republik und auf 0,33% in Österreich geschätzt. Für Ungarn und die Slowakei gibt es keine Schätzungen.

Nach den höchsten Anstiegen während der 90er, vor allem seit Mitte der 90er-Jahre, in Österreich und den Nachbarstaaten, kann man heute davon ausgehen, dass sich die Situation in Bezug auf problematischen Drogenkonsum auf einem vergleichbaren Niveau stabilisiert hat.

In Ungarn wird von der Möglichkeit das Prinzip "Therapie statt Strafe" anzuwenden häufig Gebrauch gemacht. Im Jahr wurde in Ungarn in 814 Fällen auf diese Art und Weise entschieden. Im Vergleich dazu wurde in der Tschechischen Republik nur 95 mal davon Gebrauch gemacht, obwohl sich die Bevölkerungszahlen beider Länder ähnlich hoch sind.

In der Slowakei zeigte eine Studie an Schulen einen außergewöhnlichen Anstiegs des Cannabiskonsums, welche zu einem größeren Angebot an Beratung und Behandlung geführt hat. Gleichzeitig sollen die Maßnahmen zu einer Reduktion des Konsums von legalen Drogen, wie z.B. Alkohol, führen.

In der Tschechischen Republik ist die "National Drug Commission" der Regierung unterstellt. Sie organisiert jährliche Treffen der Ministerien, die dazu gezwungen werden ihre eigenen Pläne anzupassen und die notwendigen Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Um die nationale Drogenpolitik auch auf regionalen Niveau zu implementieren, wurde ein Netzwerk von Drogenkoordinatoren und Drogenkommissionen in der ganzen Tschechischen Republik eingesetzt.

Der Veranstalter

Der Verein Dialog - Hilfs- und Beratungsstelle für Suchtgiftgefährdete und deren Angehörige - arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Bereich der Suchtkrankenhilfe und der Prävention. Der Verein ist gemeinnützig (NPO) und unabhängig (NGO). Der Vorstand setzt sich aus engagierten Personen des Wirtschaftslebens zusammen. Der Dialog betreibt in Wien mehrere Standorte, beschäftigt rund 60 MitarbeiterInnen und wird von unterschiedlichen Fördergebern (Bund, Land, AMS, WAFF) finanziert. Ein Teil der Mittel stammt aus privaten Spenden und projektbezogen von Wirtschaftspartnern als Sponsoren. Pro Jahr werden rund 2.200 Personen vom Dialog betreut und behandelt; zusätzlich
Präventionsarbeit und Gesundheitsvorsorge mit Schlüsselpersonen im schulischen und außerschulischen Jugendbereich und in Betrieben. Der Dialog verfügt über Erfahrung in der erfolgreichen Umsetzung von (EU-)Projekten und in der Realisierung von Veranstaltungen. (Schluss) vim

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