"Die Presse" Leitartikel: "Schwacher ÖBB-Vorstand als Bremsklotz der Reform" (von Martin Fritzl)

Ausgabe vom 13.11.2003

Wien (OTS) - Gibt es eigentlich noch einen ÖBB-Vorstand? Und wenn ja, was hat der während der vergangenen Wochen eigentlich gemacht? Die Bahn ist in der größten Krise ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte - und das Management ist im Konflikt zwischen Regierung und Gewerkschaft nicht mehr als ein interessierter Zuseher. Vom Vorstand hört man bestenfalls bei jedem Streik, dass Schadenersatzforderungen gegen die Gewerkschaft "geprüft" werden. Man darf wetten: Über das Stadium der Prüfung wird das nie hinauskommen. Mit einiger Wehmut erinnert man sich da des früheren Generaldirektors Helmut Draxler. Dem wegen seiner SP-Nähe abgelösten Bahn-Chef hat man zweifellos einiges vorwerfen können - den Hang zur Selbstdarstellung und zur Schönfärberei beispielsweise. Doch er hätte die Dinge wohl nie so treiben lassen, wie die jetzige Führung. ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde, vor zwei Jahren von den Berliner Verkehrsbetrieben an die Spitze der heimischen Bahn gehievt, hatte von Beginn an mit zwei Problemen zu kämpfen: Er kannte die politischen Verhältnisse in Österreich nicht, und er kannte das System Bahn nicht. An beiden Defiziten hat er heute noch zu leiden. Dazu kommt ein Führungsstil und ein Auftreten in der Öffentlichkeit, das bei vielen Beobachtern - gelinde gesagt - Verwunderung auslöst. Da ist nicht eine charismatische Führungspersönlichkeit am Werk, sondern eine bahnaffine Version von Dr. Seltsam. In der aktuellen Auseinandersetzung soll vorm Walde vom Verkehrsministerium einen Maulkorberlass erhalten haben. Dass er sich daran hält, spricht auch nicht für ihn. Wann, wenn nicht jetzt, sollte man für sein Unternehmen kämpfen?
Der ÖBB-Vorstand ist kein Nebendarsteller im Kampf um die ÖBB-Reform, sondern muss in den kommenden Jahren die Hauptrolle spielen. Wenn das Gesetz einmal beschlossen ist und die Gewerkschaft eingesehen haben wird, dass man Veränderungen und Reformen auch mit Streiks nicht auf Dauer verhindern kann, dann wird es am Vorstand liegen, die Reformen mit dem Ziel "Einsparung von einer Milliarde Euro pro Jahr" auch tatsächlich umzusetzen.
Denn wer glaubt, die jetzt heftig umkämpften Gesetze brächten automatisch Einsparungen, irrt gewaltig. Sie liefern dem Management bestenfalls das Handwerkszeug, um den unbeweglichen Moloch Bahn zu reformieren. So ist die Aufteilung des Unternehmens ÖBB in vier Aktiengesellschaften und einige weitere Gmbhs keineswegs noch ein Garant für bessere Ergebnisse. Die stellen sich erst ein, wenn in diesen neuen Strukturen auch besser gearbeitet wird. Wenn also diese neuen Organisationseinheiten wirklich gewinnorientierter arbeiten als bisher, wenn es jeder einzelnen von ihnen gelingt, positive Ergebnisse abzuliefern.
Auch das neue Dienstrecht bringt - trotz des Geschreis der Gewerkschaft - keineswegs automatische Einsparungen, wie auch der Regierungsberater und Arbeitsrechtsexperte Wolfgang Mazal bestätigt. Es ist nämlich nicht in erster Linie darauf angelegt, den Mitarbeitern etwas wegzunehmen, sondern die Regeln flexibler und besser handhabbar zu machen. Diesen Spielraum muss das Management erst nützen und beispielsweise die Dienstpläne so gestalten, dass Arbeitsplätze abgebaut werden können und trotzdem nicht massenhaft Überstunden anfallen.
Ob es dem derzeitigen Management gelingt, all diese Aufgaben zu erfüllen, ist fraglich. Auch die Regierung scheint da ihre Zweifel zu haben, sonst würde sie nicht in ureigenste Aufgaben des Managements eingreifen - etwa durch die Festlegung der Organisationsform per Gesetz bis ins kleinste Detail. Doch möglicherweise wird mit der ÖBB-Reform das Problem Management gleich miterledigt: Die neue Struktur erfordert, dass alle Spitzenposten neu ausgeschrieben werden müssen. Ob sie mit den gleichen Personen wie bisher besetzt werden, ist mehr als fraglich.

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