"Die Börse leidet an Magersucht" von Leo Himmelbauer

Kommentar Wirtschaftsblatt Dienstag-Ausgabe

Wien (OTS) - Die Börse-Chefs Erich Obersteiner und Stephan Zapotocky träumen davon, dass die Kapitalisierung des Marktplatzes bis 2006 um 40 Prozent auf 50 Milliarden Euro steigt. Wer soviel Speck ansetzen will, braucht nahrhaftes Futter. Zur Zeit scheinen auf dem Börse-Speisezettel nur jede Menge neuer Immobilien-Aktien und Unternehmensanleihen auf. Sie sind eine bekömmliche Kost, machen aber das Kraut nicht fett. Noch dazu, wo der Kurszettel immer magerer wird.

Seit gestern ist die Liste der Börse-Abgänger um ein prominentes Unternehmen länger. Constantia Iso hat angekündigt, den Streubesitz aufzukaufen und in der Folge dem Wiener Markt den Rücken zu kehren. Iso ist wie die Bauholding, Jenbacher, Austria Haustechnik, NÖM, den vor dem Delisting stehenden Bier-Werten BBAG und Brau Union sowie dem von Agrana derzeit übernommenen Fruchtverarbeiter Steirerobst ein Industrie-Titel sogar einer aus dem Prime-Segment. Darin sind die ATX-Schwergewichte und die ATX-Nachwuchskandidaten versammelt. Iso ist im Index mit 0,42 Prozent berücksichtigt.

Das ist viel, denn die zehn leichtesten Prime-Werte bringen es zusammen auf nicht einmal zwei Prozent des Gesamtgewichts, während die zehn Top-Titel das Prime-Segment zu 75 Prozent beherrschen. Genau das ist die Zwickmühle, in der die Börse steckt: Es gibt viel Kleinzeug, aber nur so viele grosse Kaliber, um gerade noch einen Leitindex zu garnieren, der internationale Investoren beeindruckt. Prime-Titel wie Agrana, von dem an Tagen wie dem 3. November eine einzige Aktie gehandelt wird, fallen als Süssungsmittel für den ATX aus. Auch Do & Co leidet an börsetechnischer Magersucht: Zuletzt wurde am 5. November eine einzige Aktie bewegt. Glücksfälle wie der BA-CA-Börsegang sind selten. Selbst der eindrucksvolle Höhenflug des ATX wird zu Ende gehen. Wer päppelt dann die Wiener Börse auf? Obersteiner und Zapotocky rühren die Werbetrommel, wo es nur geht. Sie können keine Börsegänge herbei reden. Im Gegenteil: Sie müssen froh sein, wenn das Image des Finanzplatzes nicht andernorts ramponiert wird etwa durch das unsaubere Böhler-Angebot von ÖIAG-Aufsichtsrat und Billa-Chef Veit Schalle, das von der ÖIAG gestern wie zu erwarten abgelehnt wurde. Die Börse braucht dringend Neuzugänge. Sie gedeihen aber nur auf einem fruchtbaren Umfeld.

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