FAMILIENAUSSCHUSS: ABGEORDNETE UND EXPERTEN DISKUTIEREN JUGENDBERICHT Lob und Kritik zum neu entwickelten "Jugendradar"

Wien (PK) - Meinungen, Wünsche und Bedürfnisse von Jugendlichen und jungen Erwachsenen standen heute im Mittelpunkt einer
Diskussion im Familienausschuss des Nationalrats. Unter
Beiziehung zahlreicher Expertinnen und Experten setzten sich die Abgeordneten umfassend mit den Ergebnissen des vierte
Jugendbericht auseinander, der kürzlich von Sozialminister
Herbert Haupt und Staatssekretärin Ursula Haubner dem Nationalrat vorgelegt wurde. Seitens der ExpertInnen gab es für den Bericht
Lob und Tadel, wobei insbesondere die Aussparung von für Jugendliche zentralen Themen, etwa Schule oder Gewalt, bemängelt wurde. Von mehreren ExpertInnen eingemahnt wurde zudem die Ausdehnung des "Jugendradar" auf 11- bis 14-Jährige.

Staatssekretärin Ursula Haubner versicherte, dass die Ergebnisse des Jugendberichts ernst genommen würden, und machte geltend,
dass auch der 3. Jugendbericht nachhaltigen Niederschlag in der Politik gefunden habe. So seien in Folge des Berichts ein Jugendförderungsgesetz und ein Bundesjugendvertretungsgesetz beschlossen und ein Nationaler Aktionsplan für die Jugend in Angriff genommen worden. Weiters ist ihr zufolge im Regierungsprogramm die Einführung einer Jugendverträglichkeitsprüfung von Gesetzen verankert und eine Evaluierung des Bundesjugendvertretungsgesetzes in Arbeit.
Erfreut zeigte sich Haubner darüber, dass das "Jugendradar" "gegendert" wurde, man die Ergebnisse also immer auch nach weiblichen und männlichen Jugendlichen aufgeschlüsselt hat.

Die Daten des insgesamt fast 500 Seiten starken Jugendberichts basieren im Wesentlichen auf einer repräsentativen Befragung von insgesamt 1.549 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von
14 bis 30 Jahren. Dieses so genannte "Jugendradar" wurde
entwickelt, um kontinuierlich Meinungen, Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen zu erheben und Schwankungen und Trends
ersichtlich zu machen. Die Forschungsarbeiten sollen, wie es im Vorwort von Minister Haupt und Staatssekretärin Haubner heißt,
als Grundlage für die Entwicklung einer vielfältigen, offenen und partizipativen Jugendpolitik dienen.

Vom Jugendradar erfasst wurden die Bereiche Familie und
FreundInnen ebenso wie Arbeit und Freizeit, Wertvorstellungen und gesellschaftliches Engagement, Konsum und Mediennutzung sowie der Umgang mit Alkohol, Nikotin und illegalen Drogen. Eines der Ergebnisse ist, dass die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht die ProtagonistInnen jener
"Ellbogengesellschaft" sind, von der heute häufig die Rede ist,
sie sind aber auch nicht immer so engagiert und altruistisch, wie
es sich viele wünschen. Für die heutige Jugendgeneration ist es durchaus normal, das eigene Leben zu genießen. Aufgezeigt wird überdies, dass sich die geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes und die Einkommensunterschiede zwischen Männern
und Frauen in der Jugend- und Jungerwachsenengeneration
fortsetzen.

Ein zweiter Schwerpunkt des Jugendberichts befasst sich mit der Prävention in der außerschulischen Jugendarbeit. Für eine ausführliche Zusammenfassung des Berichts siehe die Ausgabe der Parlamentskorrespondenz Nr. 792 vom 30.10.2003.

Eingeleitet wurden die Stellungnahmen der Expertinnen und
Experten im Familienausschuss zum 1. Teil des Jugendberichts, dem "Jugendradar", vom Vertreter der SPECTRA
Marktforschungsges.m.b.H. Klaus Nemetz, der für die Koordination dieses Teils des Berichts verantwortlich zeichnet und über einige Ergebnisse des "Jugendradar" referierte. Nemetz betonte, die Erhebung sei "brandaktuell" und so gestaltet, dass in Zukunft erstmals ein Trendvergleich möglich sei.

Nemetz zufolge stellt für Jugendliche im frühen Lebensalter nach wie vor die Familie das wichtigste soziale Bezugssystem dar, erst später bildeten Freundinnen und Freunde ein zentrales Orientierungssystem, ohne dass dabei aber die Bindung zur Familie aufgegeben werde. Eltern erfüllen dabei vor allem die Funktion
des Trouble-Shooting, bei Problemen des Alltags orientieren sich
die Jugendlichen hingegen eher an Freundinnen und Freunden. Das "Hotel Mama" boomt im Übrigen nach wie vor, wobei es bei jungen Männern beliebter als bei jungen Frauen ist. 60 % der 20- bis 24-jährigen Männer wohnen nach wie vor zu Hause bei den Eltern.

Musik und Medien bilden laut Nemetz einen essentiellen Teil im Freizeitmuster der Jugendlichen. Drei Viertel der Jugendlichen nutzen täglich Radio und Fernsehen, die Tageszeitung hat hingegen ein "Erwachsenenimage" und wird erst ab dem 25. Lebensjahr
relevant. Internet steht bereits an vierter Stelle bei der Mediennutzung im Alltag, wobei Mädchen und junge Frauen
allerdings weniger intensive Nutzer des Internets sind als
Burschen und junge Männer.

Was Weltanschauungen und Werte betrifft, müsste man die Einstellungen der Jugendlichen, so Nemetz, in getrennten Studien näher betrachten. Lebensfreude nehme bei den Jugendlichen jedenfalls einen zentralen Stellenwert ein. Dass die heutige
Jugend aber nicht nur hedonistisch geprägt ist, zeigt für den Studienautor die Tatsache, dass Jugendliche ihre soziale
Einbettung als ebenfalls für sehr wichtig erachten. Jugendliche weisen ihm zufolge auch Leistungsorientierung auf, diese kommt
aber erst an zweiter Stelle.

Im Beruf liegt gute Bezahlung an erster Stelle der jugendlichen Wünsche, für ganz wesentlich halten es Jugendliche aber auch,
dass Arbeit Spaß macht. Karrierechancen sind bei der Berufswahl hingegen noch kein vorrangiges Thema. Lebenslanges Lernen ist bei Jugendlichen präsent, die Mobilität, zum Beispiel ein Berufswechsel ins Ausland, jedoch nicht sehr hoch.

Bernhard Heinzlmaier, Geschäftsführer der T-Factory GmbH Deutschland, begrüßte die Entwicklung des "Jugendradar" und
zeigte sich nicht zuletzt darüber erfreut, dass die Erhebung auch 25- bis 29-Jährige erfasse. Dies passe zur vielerorts
konstatierten Verlängerung der Jugendphase. Heinzlmaier regte allerdings an, künftig auch 11- bis 14-Jährige in die Stichprobe aufzunehmen, da gerade in diesem Zeitraum der Übergang von der Kinder- in die Jugendphase erfolge.

Aus den Ergebnissen der Studie liest Heinzlmaier eine Tendenz zur Selbstsozialisation der Jugendlichen heraus. Die Jugendlichen
seien angesichts der heutigen Entwicklung aufgefordert, sich die Welt selbst anzueignen. Auffällig ist für ihn, dass sich 14- bis 19-jährige Frauen deutlich weniger von den Erwachsenen verstanden fühlen als andere Teilgruppen.

Deutlich ist für Heinzlmaier, "dass wir es nicht mit einer reinen Spaßgesellschaft zu tun haben". Jugendliche bringen seiner
Meinung nach Lebensernst und Lebensspaß in ein ausgewogenes Verhältnis. In der Freizeit erkennt er allerdings eine Tendenz
zum "süßen Nichtstun", woraus er schließt, dass sich Jugendliche durch den ständigen Aktivitätszwang nicht nur im Beruf, sondern auch in der Freizeit offenbar unter Druck gesetzt fühlen.

Katharina Kreissl, Aktion Kritischer SchülerInnen, bemängelte, dass im Jugendbericht sehr viel von Träumen und Wünschen der Jugendlichen die Rede sei und wenig davon, wie Jugendliche diese Träume auch erreichen könnten. Die Frage, welche Chancen Jugendliche überhaupt hätten, werde nicht beleuchtet. So setze
man sich überhaupt nicht damit auseinander, dass die soziale Herkunft von Jugendlichen stark ihre Zukunftsperspektiven
bestimme.

Aus dem Bericht ausgespart bleibt Kreissl zufolge auch der Lebensraum Schule. Gerade dieser Bereich habe aber großen
Einfluss auf die Lebensgestaltung Jugendlicher. Kreissl fragt
sich etwa, inwieweit die im Bericht festgestellten
unterschiedlichen Rollenbilder von männlichen und weiblichen Jugendlichen in der Schule vermittelt werden. Überhaupt zeigte
sie sich überrascht, dass sich Stereotype in diesem Bereich wenig geändert haben, beispielsweise was die Verantwortung für Haushalt und Kinder betrifft. Wie Heinzlmaier forderte auch Kreissl
künftig die Einbeziehung von 10- bis 14-Jährigen in das "Jugendradar".

Wolfgang Birbamer, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft Bau-
Holz, befasste sich mit dem Thema Arbeit und Beruf und gab zu bedenken, dass Jugendliche bei der Berufswahl stark auf
schulische Informationen angewiesen seien. Der Gegenstand Berufsorientierung hat seiner Meinung nach in der Schule aber
eine zu geringe Wertigkeit und gehörte forciert. Ansetzen könnte man ihm zufolge etwa bei der LehrerInnenaus- und -weiterbildung.

"Ganz wichtig" ist es für Birbamer, dass es für 19- bis 25-Jährige Arbeit gebe. Er wertete es in diesem Zusammenhang als interessantes Ergebnis des "Jugendradar", dass ein Viertel aller befragten Lehrlinge nicht damit rechne, später in ihrem erlernten Beruf tätig zu sein. Hinsichtlich der Ausbildung sieht Birbamer eine hohe Bereitschaft unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich weiterzubilden, allerdings wollten Betroffene die Ausbildung
in der Nähe und seien nicht bereit, dafür zu pendeln. Vermisst wird auch von ihm im "Jugendradar" die Zielgruppe der 10- bis 14-Jährigen.

Barbara Wagner-Tichy, Psychologin, Mediatorin und Ehe- und Familienberaterin, äußerte Zweifel daran, dass der Jugendbericht tatsächlich das Leben Jugendlicher widerspiegle. Sie berichtete
von Erfahrungen aus ihrer Beratungspraxis und machte geltend,
dass Verhaltensauffälligkeiten vor allem männlicher Jugendlicher stark im Steigen begriffen seien. Kinder, die Probleme machten, würden zudem immer jünger. Aus persönlichen Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern folgert Wagner-Tichy, dass kaum eine Party ohne Nikotin und Alkohol stattfinde, die Hälfte der SchülerInnen Scheidungskinder und am Nachmittag allein sei und es immer
seltener gemeinsame Mahlzeiten in der Familie gebe.

Bei der Mediation in Scheidungsfällen geht es Wagner-Tichy
zufolge meistens um das Geld, die Kinder spielten höchstens in
der ersten Sitzung noch eine Rolle. Überhaupt ortet sie ein geringes Verständnis für die Position anderer, es werde nicht
mehr "im Sinne der familiären Solidarität" gedacht. Der
Hinwendung zu Werten wie Geld, Konsum und Körperkult stehe auf
der anderen Seite jedoch eine große Sehnsucht nach anderen Werten gegenüber, was dazu führe, dass Esoterik boome.

Wagner-Tichy forderte von der Politik eine verstärkte Unterstützung der Elternschaft und der Lehrerschaft. Beziehungs-und Streitkultur müssten ebenso vermittelt werden wie Kommunikationsverhalten. Die verstärkt wahrgenommenen Verhaltensauffälligkeiten von männlichen Jugendlichen führt sie nicht zuletzt darauf zurück, dass Buben im schulischen System
durch die zunehmend weibliche Lehrerschaft in ein Eck geraten, da auf ihre, andere, Art zu lernen, zu wenig Rücksicht genommen
werde.

Auch Anton Schmid, Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien, stellte
den Aktualitätsbezug des "Jugendradar" in Frage. Dass Jugendliche sich in Peergroups am wohlsten fühlten, immer länger zu Hause wohnten, neue Medien stark nutzten und gesellschaftliches
Engagement der Jugendlichen außerhalb der Politik stattfinde,
habe einen Neuigkeitswert "von fast gleich null", meinte er, und bestätige lediglich bekannte Trends. Neue Erkenntnisse könne man aus der Studie nicht wirklich gewinnen.

Nach Meinung von Schmid ist bei der Erhebung vieles Unangenehme gänzlich ausgeblendet worden, etwa der Bereich der Gewalt, und
zwar sowohl Gewalt gegenüber Jugendlichen als auch Gewalt von Jugendlichen. In diesem Bereich sieht er eine Reihe von Forschungszielen und nannte etwa die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen gegen sexuellen Missbrauch, die Ursachenforschung hinsichtlich steigender Gewalt in jungen Beziehungen und die wissenschaftliche Aufarbeitung des zunehmend festzustellenden Gewalteinsatzes von Polizei und Gendarmerie im Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Auch das Thema Scheidung vermisst Schmid im Bericht. Dabei führe die Trennung der Eltern oft zu massiven psychischen Problemen bei Jugendlichen, skizzierte er. Gleichzeitig gebe es kaum Beratungsstellen, die Jugendliche in solchen Situationen
begleiten würden. Es wäre angebracht, so Schmid, auch darzustellen, was in Sachen Jugend "faul ist im Staat". (Fortsetzung)

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