"Kleine Zeitung" Kommentar: "Entscheidung zwischen Börse und reiner Freunderlwirtschaft " (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 05.11.2003

Graz (OTS) - Wer sich an Regeln hält, beweist bloß Mangel an Phantasie. Dieser zynische Spruch drängt sich auf, wenn man sieht, wie die ÖIAG schon wieder herum fuhrwerkt. Dabei hätte der angepeilte Verkauf der Staatsanteile an Böhler-Uddeholm eine unspektakuläre, politikferne und problemlose Restlverwertung werden können.

Es dient alles auch einzig der Geldbeschaffung. Strategisch sind die zu verkaufenden 25 Prozent, die nicht einmal eine Sperrminorität darstellen, ohnehin ziemlich wertlos. In den Konzern
hineinregieren lässt sich damit nicht.

Außerdem hat der in der Steiermark wurzelnde Edelstahlhersteller schon einen österreichischen Kernaktionär aus Finanzinvestoren rund um den Badener Anwalt Rudolf Fries, der einen
25,6prozentigen rot-weiß-roten Nukleus gebildet hat. Damit lässt sich allerlei Unbill vermeiden, kann verhindert werden, dass etwa die viel beschworene Konzern- und damit wichtige Entscheidungszentrale oder anderes einfach aus Österreich verschwinden.

Also schien der Böhler-Verkauf eine g´mahte Wies´n zu sein. Ein reiner Formalakt. Doch diese Rechnung wurde ohne die spätestens durch ihre Stümperei rund um den Voest-Verkauf im
September berüchtigt gewordenen Privatisierer gemacht.

Die haben sich neuerlich in dem für die ÖIAG schon typischen Geflecht diverser Einzelinteressen verheddert. Statt wie geplant im Aufsichtsrat den Verkauf der restlichen Anteile an Böhler
Uddeholm über die Börse abzusegnen, haben sie sich gestern nach stundenlangem Hin- und Her ergebnislos vertagt. Der Grund dafür mag für viele haarsträubend sein: Wie schon vor dem
Voest-Verkauf, als sich der durch seinen Nebenjob als ÖIAG-Aufsichtsrat erstklassig über die ÖIAG-Absichten informierte Magna-Chef Siegfried Wolf die Voest krallen wollte und nur durch vorzeitiges Auffliegen des Projekts "Minerva" gescheitert ist, versucht sich jetzt neuerlich ein ÖIAG-Aufsichtsrat als Rosinenpicker: Billa-Chef Veit Schalle hatte sich mit Freunden zusammen getan und für Böhler ein Angebot gelegt. Dieses ist dem Aufsichtsrat
gestern für eine Entscheidung nur noch zu unverbindlich gewesen.

Dabei hat Schalle das Wichtigste längst gesagt. Er will keinen Aufpreis (Paketzuschlag) zahlen. Deshalb sollte die ÖIAG ihren Böhler-Anteil schleunigst über die Börse verkaufen. Dort wird
sie auch mehr Kasse machen, eeil große Nachfrage nach dem profitablen Böhler-Konzern für einen guten Preis sorgen wird. Und es nur dann nicht nach Freunderlwirtschaft riecht.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001