"Kleine Zeitung" Kommentar: "Arzneimittel und mehr Frühsport werden Kosten nicht eindämmen" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 31.10.2003

Graz (OTS) - Kurt Grünewald, der Grüne-Gesundheitssprecher, witzelte diese Woche beim ersten großen Gesundheitskonvent über eine Sorge der Gesundheitsministerin. Maria Rauch-Kallat hatte bedauernd betont, dass die Österreicher doch eher bewegungsfaul wären. Mit staatlich verordnetem Frühsport werde das Gesundheitssystem nicht zu sanieren sein, ätzte Grünewald.

An Frühsport denken auch weder der Kanzler noch die Gesundheitsministerin, wenn sie nun versuchen, das Gesundheitsvolumen von gigantischen 23 Milliarden Euro in Bewegung zu setzen. Was steht aber hinter diesem Versuch? Zunächst die wachsende Unfinanzierbarkeit des Gesundheitssystems. Und damit die drohende Frage, ob die großen Lebensrisken weiter wie bislang solidarisch getragen werden. Die Krankenkassen in Frankreich wollen beispielsweise im Rahmen des 26. Kostensenkungsplans seit 1980 Verschreibungen für Patienten über 70 Jahre begrenzen. Eine Entwicklung, die überall die Alarmsirenen auslösen müsste.

Die Vorgabe der Bundesregierung lautet, den "Anstieg der Gesundheitskosten in vertretbaren Grenzen" zu halten. Eine Vorgabe, die allein im Hinblick auf wachsende Gesundheitskosten durch die Überalterung schwer erfüllbar ist. Eine Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums müsste auch jedem Gesundheitsminister die Nachtruhe kosten. Sie zeigt auf, dass sich durch die Altersstrukturentwicklung die Gesundheitsausgabenquote für Akutversorgung in den nächsten Jahrzehnten um ein Drittel erhöhen wird. Bei der Langzeitversorgung wird sie sich mehr als verdoppeln.

Wenn die Regierung nun eine längst fällige Grundsatzreform wagen wollte, müsste sie am System ansetzen. Österreich hat ein Finanzierungssystem mit unzähligen Zahlungsströmen, in dem 2001 23 Milliarden Euro zwischen Bund, Ländern, Gemeinden, Krankenversicherung, Patienten, Landesfonds, Strukturfonds bewegt wurden. Was am Ende der Reform stehen müsste? Eine überregionale gesamtheitliche Planung und Finanzierung aus einer Hand. Mit harten Sanktionsmechanismen für jene, die sich nicht an Vorgaben halten und glauben, in ihrer Gemeinde Spitzenmedizin anbieten zu müssen.

Das Problem eines Systemwechsels? Da gibt es keinen Kompromiss. Da gibt es nur die Frage: Ändert man das System oder nicht. Ohne Skalpell wird es nicht gehen. Wer diese Reform auf Arzneimittel, Frühsport, Erhöhung der Selbstbehalte reduziert, agiert als Kosmetiker. Und stützt ein überholtes System. ****

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