"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Schrille Zeiten" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 31.10.2003

Wien (OTS) - In vier Wochen beginnt jene Zeit, die einst als "die stillste des Jahres" bekannt war: Der Advent. Von Stille kann längst keine Rede mehr sein: In den Kaufhäusern türmt sich schon jetzt die Weihnachtsdekoration, die Bettelbriefe unterschiedlichster und zum Teil höchst dubioser Hilfsorganisationen beginnen unsere Briefkästen zu füllen und schon bald werden die ersten Glühweinstände fürs Hochschnellen der frühabendlichen Führerscheinabnahmen sorgen. Beginnen wird das alljährliche Konsumspektakel schon heute Abend bei Dutzenden Halloween-Partys. Jede Diskussion über Sinn oder Unsinn dieses Modephänomens geht am Kern vorbei. Hier hat nicht ein irisch-heidnischer Brauch aus der Keltenzeit die christliche Besinnlichkeit rund um Allerheiligen und Allerseelen abgelöst, sondern die Wirtschaft hat den Rummel als weitere Möglichkeit entdeckt, uns in einen Konsumrausch zu versetzen - ebenso wie am Valentins- oder am Muttertag.
Die ursprünglichen Inhalte all dieser Bräuche, mögen sie nun heidnischen, katholischen oder sonst welchen Ursprungs sein, sind längst verloren gegangen. Es geht um die Show, um Werbewirksamkeit und Umsatz.
Die Ähnlichkeit zur hohen Politik ist unverkennbar: Wen kümmert es schon, dass erhebliche Teile des von der "Kanzlerpartei" soeben verkündeten "Aktionsplans für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze" teils alte Hüte und teils unausgegorene Absichtserklärungen sind? Wer rechnet nach, dass die vollmundig für die Forschungsförderung angekündigten Mittel anderswo fehlen werden (was aber nichts daran ändert, dass diese Umschichtung in die richtige Richtung weist)? Und wer wollte es den Experten im Wirtschaftsministerium übel nehmen, wenn sie die Bitte um Präzisierung der "Neufassung der Zumutbarkeitsbestimmungen zur frühzeitigen aktiven Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Strukturwandels" höflich abweisen: "Geduld, wir müssen Konkretes erst mit den Sozialpartnern verhandeln." Wir leben eben nicht in stillen, sondern in höchst schrillen Zeiten, und da setzt sich durch, wer am lautesten trommelt.
"Gegen neue Drachen hilft Altes nicht", hat Bundeskanzler Schüssel gestern gesagt und damit "Armut, Einsamkeit, neue Krankheiten wie Aids und die Lungenkrankheit SARS, die Umweltzerstörung oder die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern" angesprochen. Richtig ist daran nur, dass die klassischen alten Antworten tatsächlich an Wirkung verloren haben.
Armut, Einsamkeit, neue Krankheiten und Ungerechtigkeit aber hat es immer gegeben - das sind keine "neue Drachen", sondern alte Hüte. Vielleicht wären dagegen sogar manch altes Rezept hilfreich, würde es nur konsequent und zielstrebig angewendet.
Immer mehr, immer schneller, immer schriller: Das allein nützt weder der Wirtschaft noch rettet es die Politik vor den Folgen unausgegorener Überlegungen. Das Zudröhnen des Publikums mit lauten Phrasen erinnert an das Pfeifen ängstlicher Zeitgenossen im nächtlich-finsteren Wald: Es macht Mut, aber es löst keine Probleme. Damit schließt sich der Kreis. Der Halloween-Rummel, die Glückwein-Glückseligkeit, die politische Phrasendrescherei der Regierenden samt ebenso undifferenzierter Ablehnung aller Beschlüsse durch die ohnmächtige Opposition - das alles sind Ablenkungsmanöver von der teilweise bedauerlich tristen Realität.
Dass wir sie uns leisten können, materiell wie geistig, ist der nicht zu unterschätzende Beweis dafür, dass es den meisten von uns trotz Wirtschaftsflaute, schwarz-blauer Chaostruppe, rot-grüner Ideenlosigkeit und allgemeinen Zukunftsängsten so gut geht wie nie zuvor.

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