DER STANDARD-Kommentar: "Eine Firma namens Alma Mater" (von Samo Kobenter) - Erscheinungstag 30.10.2003

Oder: Wie Bildung und Wirtschaft sicher nicht kurzgeschlossen werden sollten

Wien (OTS) - In der Debatte um die künftige Struktur der größten Universität des Landes fallen einige Punkte auf, die symptomatisch für die Machart der derzeitigen Bildungspolitik sind. Dabei geht es ebenso um technische wie um inhaltliche Fragen, die auch in den Papieren der universitären Arbeitsgruppen, die sich über die Zukunft der Wiener Universität Gedanken gemacht haben, zumindest zwischen den Zeilen durchscheinen.

Das redliche Bemühen, die Grundlagen für eine den künftigen Anforderungen des Wissenschaftsbetriebs entsprechende Universitätsstruktur zu schaffen, kann den Entwürfen nicht abgesprochen werden. Natürlich spiegeln sich die Partikularinteressen der Verfasser darin wider, aber das ist ja nicht ehrenrührig und keineswegs das größte Manko der Planskizzen. Seltsam mutet allerdings an, dass durchgehend eine, wie es in einem dieser Berichte heißt, "professionell durchgeführte Stärken-Schwächen-Analyse der Universität Wien beziehungsweise ihrer Institute noch ausständig ist".

Das klingt nicht sehr Vertrauen erweckend und legt den Schluss nahe, dass auch hier der Geschwindigkeit Vorrang vor der Präzision eingeräumt wurde - eine Vorgangsweise, die sich durch die gesamte Prozedur der Implementierung des Universitätsgesetzes wie der sprichwörtlich schwarz-blaue Faden zieht. Eine umfassende Bestandsaufnahme der Qualitäten und Mängel der Struktur, die man zu ändern gedenkt, ist keine polemische Forderung, aus der dann eine "progressive" oder "reaktionäre" Ausrichtung des daraus entwickelten Neubaus abzuleiten ist - wie in polemischer Unterstellung postuliert wird -, sondern ein simples Gebot planerischer Effizienz. Und der wurde nicht nur hier wenig Platz eingeräumt.

Ebenso undurchdacht erscheinen die Umsetzungsvorschläge für die Zielformulierung, die Universität Wien - alle österreichischen Unis? - in eine "Forschungsuniversität" zu verwandeln. Welche Rolle künftig die Lehrorganisation spielen soll, wird ebenso vernachlässigt wie die Frage, in welchen Organisationsformen Forschungsaufgaben und Studienabwicklung am reibungslosesten unter einen Hut gebracht werden können. Mit der Hoffnung, das Problem werde sich mit der bloßen Schaffung "flacher" Hierarchien, sprich der Einführung einer nur mehr zwei Ebenen umfassenden Struktur, von selbst lösen, kann es wohl nicht getan sein.

Vielleicht wäre eine Vorgangsweise, die zunächst den Reformbedarf an Fakultäten und Instituten erhoben und daraus die Ziele der neuen Universität entwickelt hätte, effizienter als eine, die in ihrer Abschaffung und Aufteilung ein organisatorisches Allheilmittel sieht. Die Frage, ob Qualität durch eine Konzentration auf die Forschung zulasten der Lehre geschaffen wird, scheint ohnehin schon mit Ja beantwortet zu sein: Wenn parallel zu diesem schlampig in Angriff genommenen Umbau der Unis in so genannte "centers of excellence" die Aufwertung der Pädagogischen Akademien zu Hochschulen für Lehrberufe angekündigt wird, ist der Lauf des Bildungshasen vorgezeichnet.

Dann möge die Politik aber bitte auch zwei Dinge klar aussprechen:
Wir verabschieden uns von der Universalität, die den klassischen Sinn dieser Bildungseinrichtung ausgemacht hat. Und wir legen endlich fest, was mit Autonomie und Verantwortlichkeit einer neuen Universität im gesellschaftlichen Diskurs gemeint ist, statt auf diese klare Frage irgendetwas von "Weltklasse" daherzubrabbeln.

Es wäre durchaus angebracht, diese Autonomie mit Kompetenzen auszustatten, die sehr wohl Delegierung zulassen, statt einem Rektor interne Entscheidungsallmacht zu geben, um ihn extern umso kürzer an die Leine des Bildungs- und Finanzressorts zu legen. Wenn schon dem Glauben gehuldigt wird, die ^Universitäten müssten wie Wirtschaftsunternehmen funktionieren, dann sollten wenigstens Modelle des 21. Jahrhunderts und nicht solche des Gründerzeitkapitalismus nachgebildet werden.

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