"Kleine Zeitung" Kommentar: "Keiner stoppt den irakischen Bombenweg ins totale Chaos" (von Peter W. Schröder)

Ausgabe vom 29.10.2003

Graz (OTS) - So haben sich die Regierungspolitiker in Washington
den Aufbau eines friedvollen Gemeinwesens im Irak nicht vorgestellt. Denn so planmäßig die größte Militärmacht der Welt die irakische Brutaldiktatur in Bagdad auch stürzte, so ungeplant versinkt das offiziell befreite und tatsächlich amerikanisch besetzte Ölland am Golf immer mehr im Chaos. Denn der Raketenangriff auf das Raschid-Hotel am Sonntag und die Autobomben vor der Bagdad-Zentrale des Roten Kreuzes am Montag belegen vor allem eines: Die Okkupanten haben die Folgen des Irak-Krieges falsch eingeschätzt.

Die US-Streitmacht weiß nicht einmal, wer die Bombenleger, Heckenschützen und Raketenschießer sind und warum sie scheinbar planlos morden. Einmal werden versprengte Anhänger des gestürzten Diktators für die Anschläge verantwortlich gemacht, dann in den Irak eingesickerte El-Kaida-Terroristen aus Syrien und/oder dem Iran.

"Wir stehen entweder vor einem Bürgerkrieg verfeindeter religiöser Gruppen im Irak", erklärten Bagdader Ärzte in einem Interview, "oder wir sind schon mittendrin." Das Sprengen der Zwangsjacke der Diktatur von Saddam Hussein habe eben unkontrollierbare Kräfte freigesetzt. Die für Kriegsführung und nicht für Polizeiarbeit ausgebildeten Besatzungstruppen seien überfordert.

Aber wie können Fehler und Versäumnisse korrigiert werden, da niemand den Irak-Krieg ungeschehen machen kann? So wie die Lage ist, erscheint der Ruf der Anti-Krieg-Demonstranten in Washington am vergangenen Wochenende nach einem "Amerikaner raus aus dem Irak" absurd. Denn das würde wohl den Weg zum totalen Bürgerkrieg frei machen. Auch die Forderung nach einer vollständigen Übertragung der amerikanischen Macht im Irak etwa auf die UNO ist nicht mehr praktikabel. Die Bombenanschläge auf das UN-Hauptquartier und die Rotkreuzzentrale in Bagdad zeigen, dass einflussreiche Mordkräfte im Irak auch selbstlos agierende Hilfsorganisationen als Handlanger der amerikanischen Besatzungsmacht einstufen.

Die Alternative einer hart durchgreifenden US-Besatzungsmacht kann auch die Regierung in Washington nicht wollen. Die Einsicht, dass Hoffnungslosigkeit und Chaos Zwillinge sind, hilft so wenig wie der bloße Ruf nach einer Kurskorrektur. Denn es geht konkret um das Wie und das Was.

Nach dem auch in der Politik geltenden Verursacherprinzip ist jetzt die Regierung Bush am Zug. Die Iraker und die Welt halten den Atem an. ****

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