"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nation der Normalität" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.10.2003

Graz (OTS) - Ein Feiertag, der auf einen gewöhnlichen Sonntag fällt. Noch dazu auf einen Sonntag, an dem so früh wie seit Menschengedenken nicht mehr, Schnee liegt und klirrende Kälte herrscht. Kein Tag zum Wandern durch Herbstwälder oder zum Verkosten in den Buschenschenken.

Das offizielle Österreich spult die zum Ritual gewordenen Veranstaltungen ab: Bundespräsident, Ministerrat, Beflaggung, Bundesheer, Angelobung. Damit ist wieder ein 26. Oktober abgehakt. Muss man bedauern, dass am Nationalfeiertag keine patriotische Hochstimmung herrscht und nur noch wenige Österreicher die rot-weiß-rote Fahne aufziehen? Wie soll man dem 26. Oktober noch Leben einhauchen, wenn es in all den Jahren bisher nicht gelungen ist?

Zwar nähert sich der 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Staatsvertrages, doch war dieser Schicksalstag, der die Österreicher damals mit Freude und Dankbarkeit erfüllte, der 15. Mai 1955 und nicht der 26. Oktober 1955, der erst zwölf Jahre später zum Gedenken an das Neutralitätsgesetz zum Nationalfeiertag erhoben wurde. Herz und Hirn waren von Anfang an nicht gleich gestimmt. Die Emotion gehörte dem 15. Mai, die Rationalität sprach für den 26. Oktober.

Unterschwellig spielten immer und spielen auch heute noch die parteipolitischen Vorurteile eine Rolle, dass der 15. Mai ein "schwarzer" Feiertag wäre, weil Julius Raab und Leopold Figl den Staatsvertrag gebracht hätten, während der 26. Oktober ein "roter" Gedenktag wäre, da die Neutralität Adolf Schärf und Bruno Kreisky zu verdanken sei.

Diese Farbenlehre ist nicht überwunden, sonst hätte es nicht die kleinlichen Eifersüchteleien gegeben, die das von der schwarz-blauen Bundesregierung geplante Projekt einer Großausstellung zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Staatsvertrages scheitern ließen.

Auch wenn im Gedenkjahr der Nachhilfeunterricht in Staatsbürgerkunde nicht so umfassend ausfallen wird, wie sich dies die ministeriellen Pädagogen gewünscht hätten, darf man das bisher Erreichte nicht gering schätzen. In einer Umfrage wird den Österreichern ein "gefestigtes Nationalbewusststein" bescheinigt: 75 Prozent sagen demnach, dass die Österreicher eine Nation sind; 19 Prozent glauben, dass die Österreicher beginnen, sich als Nation zu fühlen; nur fünf Prozent meinen, dass die Österreicher keine Nation sind.

Ein befriedigender Befund. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Zahl der Zweifler, ob die Österreicher überhaupt eine Nation seien, ein Vielfaches von fünf Prozent betragen hat. Wir sind auf dem Weg zur Normalität. ****

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