"Presse"-Kommentar: "Das Irak-Abenteuer des Georg W. Bush" (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 20. Oktober 2003

Wien (OTS) - In seinem Höhlenverlies ist dem meistgesuchten Mann der Welt das Lachen nicht vergangen. Im Gegenteil: Für Osama bin Laden dürfte die Schadenfreude über die Pannen seines Widerparts geradezu zum Lebenselexier geworden sein. Das neuerliche Lebenszeichen des Troglodyten kam wie bestellt vor George W. Bushs großem Auftritt auf dem Apec-Gipfel in Bangkok; und es bezeugt Bin Ladens Sinn für mediale Inszenierung und Dramatik.

Der Appell zum Dschihad aus dem unwegsamen afghanisch-pakistanischen Bergland muss dem US-Präsidenten jedenfalls wie eine ziemlich perfide Verhöhnung vorkommen. Die US-Besatzer, so spottet der Terror-Guru auf dem Tonband, hätten sich in den Sümpfen von Euphrat und Tigris festgefahren.

Solange Bin Laden und Saddam Hussein - der andere "Gottseibeiuns" der USA - nicht auf die eine oder andere Weise dingfest gemacht worden sind, sind sie ein Pfahl im Fleisch des George W. Bush. Denn der Präsident wird bei den Wahlen in einem Jahr unter anderem auch daran gemessen werden, ob die beiden Staatsfeinde in dem enervierenden Katz-und-Maus-Spiel endlich in die Falle gehen. Sonst könnte es ihm ähnlich ergehen wie dem glücklosen Jimmy Carter, der sich Hals über Kopf in das Geiselbefreiungs-Abenteuer im Iran stürzte - und sich am Ende in dessen Schlinge verfing. Just am Tag der Inauguration des Nachfolgers Ronald Reagan waren die letzten Geiseln aus der US-Botschaft in Teheran freigekommen.

In den USA sinkt die Stimmung in Sachen Irak-Einsatz mit jeder Woche. Die Nachrichten aus Bagdad über Hinterhalte, Anschläge und tote Soldaten sind ja wahrlich nicht dazu angetan, sie zu heben. Die Popularitätskurve des Präsidenten fällt und fällt. Und - fast noch bedenklicher _ der Widerstand in den eigenen, republikanischen Reihen wächst; Senatoren mokieren sich über die gigantischen Kosten des Engagements Washingtons im Irak, während den USA die Budgetmittel an allen Ecken und Enden fehlen.

Gewiss: Der überraschende Abstimmungssieg im Sicherheitsrat über die UN-Resolution in der Vorwoche war Balsam auf die blutenden Wunden der Supermacht. Doch nüchtern betrachtet, war es nicht mehr als ein symbolischer, aber letztlich belangloser Etappensieg ohne direkte Konsequenzen, ein diplomatischer Triumph des Außenministers Colin Powell. Entsprechend verhalten fiel der Jubel in Washington aus. Fast resignativ nahm sich denn auch die Bitte Powells um Großzügigkeit aus: Weder hat sich die Aussicht für finanziellen und militärischen Beistand gebessert; noch dürfte die internationale Geberkonferenz in dieser Woche in Madrid einen Umschwung herbeiführen. Einzig die braven Japaner haben bisher eine nennenswerte Summe in Aussicht gestellt.

Bei den Hilfstruppen spießt es sich ohnehin. Pakistan hat schon abgewunken, Soldaten zu stellen. Und beim Engagement der Türkei ergeben sich weitaus mehr Probleme als Vorteile. Die US-Boys werden -wohl oder übel - noch länger im Irak ausharren müssen.
Die Stabilisierung und Demokratisierung des Irak bleibt also in der Hand der Amerikaner. Sicher, es gibt Fortschritte im Irak, wenn auch nur marginale. Die Schwierigkeiten konzentrieren sich auf das sunnitische Dreieck im Zentrum des Landes; dort will der Widerstand gegen die Besatzer einfach nicht erlahmen.

Das Sagen haben und die Aufgaben delegieren - so schön hatten es sich die US-Strategen ausgedacht. Aber so wie sie den Krieg im Alleingang - mit den Briten - gesucht haben, so nimmt den USA jetzt niemand die Bürde ab. Das ist bitter für Bush - aber er hat sich das selbst zuzuschreiben: Hätte er den Zweiflern zugehört, wäre er erst gar nicht in eine so fatale Situation hineingeraten. George W. Bush steht jetzt unter gewaltigem Zeit- und Erfolgsdruck: Er steht und fällt mit dem Irak-Abenteuer. Gut möglich, dass die Wahlen im Irak kurz nach denen in den USA stattfinden - und Bush schon abgewählt ist.

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