WirtschaftsBlatt-Kommentar Grassers unaufhörlicher Fall

von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Was wird Finanzminister Karl-Heinz Grasser noch alles übersehen haben? Sein Spiel ehrenvoller Rückzüge hält derzeit bei der freiwilligen Bekanntgabe seines Aktienbesitzes. Zeitpunkt: Sonntag, 16.18 Uhr und nur wenige Stunden, nachdem die gleiche Liste mit exakt 127.835,15 Euro Kurswert bereits im Nachrichtenmagazin profil gedruckt war.

Auch das gehört zum System Grasser: nichts zugeben, solange es geht. Und wenn er doch herausrücken muss, dann das mögliche Verschulden bis auf vier Nullen hinter dem Komma herunterrechnen -wobei aber nicht einmal da die Zahl der von ihm angegebenen Nullen stimmt.

Vielleicht glaubt Grasser allen Ernstes, sein durch die unbereinigte Homepage-Affäre offenkundiges Glaubwürdigkeitsproblem sei ein finanzmathematisches. Nein, Grasser ist politisch nicht mehr glaubwürdig, wenn er es als zuständiger Fachmann mindestens zum zweiten Mal in einer ihn persönlich betreffenden Finanzierungsfrage nicht genau genommen hat: Bei Amtsantritt mit der gesetzlich vorgeschriebenen Offenlegungspflicht eines Regierungsmitglieds und parallel dazu mit der Nichtversteuerung hoher Zuwendungen aus der Industriellenvereinigung. Hier geht es nicht darum, was hinter dem Komma steht, sondern wie ehrlich der Finanzminister der Republik ist.

Als einstiger FP-Mann gesellte sich Grasser zu vielen anderen hoch gestellten FP-Männern, um zu probieren, was von einer der dubiosesten New Economy-Firmen namens YLine abfallen könnte. Juristisch ist gegen Grasser so wenig zu machen wie vor etlichen Wochen gegen voestalpine-Generaldirektor Franz Struzl. Dieser musste dennoch zur Kenntnis nehmen (einsehen wird er es wohl nie), dass er nicht mehr tragbar ist. Der Politiker Grasser hingegen ist weiter als Moorgänger unterwegs und tut so, als wandle er wie Jesus Christus über die Untiefen des Sees Genezareth.

Wieso ihm das gelingt? Weil am Rande des Sumpfes viele so genannte Freunde die Hände helfend ausstrecken, weil sie fürchten müssen, mit ihm in den Abgrund gezogen zu werden: ehemalige FP-Kumpel, die sich jetzt "heraushalten"; seine Erfinder als Wahlkampf-Maskottchen für die ÖVP; Saubermacher Alfred Finz, der für jede Grasser-Krümmung geradesteht; fröhliche Spender für die New Economy und glückliche Empfänger lukrativer Beratungsaufträge.

Und weil Grasser noch immer oben bleibt, steht eine ganze politische Garnitur im fahlen Licht.

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