"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schwarzenegger weckte eine Illusion, kann er sie einlösen?" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 10.10.2003

Graz (OTS) - Populismus kontra Massenfrust: Das Phänomen ist kein amerikanisches.

Inmitten der patriotischen Ekstase über Schwarzeneggers Siegeszug gibt es auch die Gegenstimmen der Besorgten. Sie beklagen die Hollywoodisierung der Politik und die Abdankung des Homo politicus zugunsten des Entertainers. Die Art und Weise, wie hier eine Ikone der Unterhaltungsindustrie die Sphäre des Politischen erobert habe, zeige, wie heruntergekommen diese sei.

Das kann man so sehen, aber es ist überdehntes Kassandra-Pathos. Nicht die Demokratie oder das Abendland hat versagt, sondern der, der vom Stimmbürger mit Macht ausgestattet wurde und kolossal scheiterte. Eine massive Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen einerseits und ein charismatischer, mit den Waffen des Populismus schamlos operierender Verführer auf der anderen Seite haben diesen Umsturz bewirkt.

Das ist nichts pathologisch Amerikanisches, sondern ein durchaus europäisches Muster. Auch Österreich hatte, als die große Koalition an ihr Ende kam, eine ähnliche Konstellation: eine Massenfrustration über den Stillstand und einen Verführer, der auf der Woge des Verdrusses zu surfen wusste. Auch Haider umgab sich mit der Aura des Systemfernen und nahm in der Inszenierung Anleihen aus der Unterhaltungsindustrie. Haider wollte "ausmisten" und ließ sich mit der Mistgabel abbilden, Schwarzenegger machte "clean house" und griff zum Besen.

Skeptiker sind im Fall Schwarzenegger entsetzt, wie hier jemand ohne politische Grundschulung von der Leinwand herab ein Spitzenamt erklimmen könne. Diese Klage verkennt die Strategie des Außenseiters: Gerade weil sich Schwarzenegger als Antithese zur Polititik positionierte, wurde er gewählt. Er zog dieses Konzept mit professionellem Raffinement durch. Er verweigerte sich allen Interviews. Er ließ die Medien hinter sich herfahren, aber sprach nicht mit ihnen. Er war allgegenwärtig, aber er kommunizierte nicht.

Musste er auch nicht. Schwarzenegger befriedigte eine (Veränderungs-)Sehnsucht und zapfte sie gekonnt an - nicht als reale Person, sondern als Filmfigur und Symbolträger. Die Bürger wählten nicht den Familienvater und Geschäftsmann, sondern den starken, virilen Tatmenschen aus dem Kino.

Für den Siegreichen beginnt jetzt erst der Herkulesjob: Arnold Schwarzenegger muss die Illusion, die er weckte, in mühevolles politisches Handeln umsetzen. Er muss von der Leinwand herunter und das Licht im Saal anknipsen.

Das kann, wie jeder Kinogeher weiß, ein schmerzhafter Moment sein. ****

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