"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Land am Atomstrom" (Von Alois Vahrner)

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion - Tel.: 05 04 03/ DW 601

Innsbruck (OTS) - Nach der empfindlichen Abstimmungsniederlage bei der Volksabstimmung zu Zwentendorf hat sich Österreich per Atomsperrgesetz verpflichtet, keine eigenen Kernkraftwerke zu errichten. In politischen Sonntagsreden wurde gegen die Kernkraft gewettert, die Wirklichkeit sah anders aus. Anteile an der steirischen Estag wurden ausgerechnet an Frankreichs Atomstrom-Riesen EdF verkauft, trotz heimischer Mitbieter. Kärnten verkaufte unter Strom-Robin-Hood Jörg Haider Kelag-Anteile an die deutsche RWE, auch nicht gerade ein Atomstrom-Abstinenzler. Und die Bundesregierung wollte den Verbund mit E.ON zusammenspannen, zog dann aber zurück. Atomstromfrei war Österreich nie. Das gilt gerade auch für Tirol, das seit jeher über Verträge mit ausländischen Kernenergie-Produzenten verfügte. Der Abtausch teurer Spitzenstrom aus Wasserkraft gegen günstige Grundlast aus dem Ausland bedeutete schon seit Jahrzehnten ein lukratives Geschäft.
Der Atomstrom-Anteil in Österreich lag schon in der Vergangenheit zwischen 10 und 20%. Mittlerweile sind die Strommärkte geöffnet, die boomenden Strombörsen bringen einen zusätzlichen Schub. "Atom-Großmächte" wie Frankreich (80% Atom-Anteil), Belgien (60%), die Schweiz oder Süddeutschland (über 40%) speisen ebenso ungehindert ins Netz ein wie Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn. Da ist dann unweigerlich auch Energie aus Kraftwerken wie Nagymaros, Mochovce oder Temelin darunter.
Die Attacke von Greenpeace und Global 2000 gegen die Tiwag hängt auch mit deren Namen zusammen. Die Tiroler Wasserkraft entspricht diesem in der Stromproduktion fast zur Gänze, beim Absatz in Tirol und vor allem im internationalen Stromhandel schon viel weniger. Ob physikalisch in Tirol tatsächlich kein Atomstrom verbraucht wird, wie die Tiwag sagt, oder "moralisch" sehr viel, wie die Umweltschutzorganisationen meinen, ist eine andere Frage.

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