WirtschaftsBlatt-Kommentar Lehrlinge gehören in Unternehmen

von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Unternehmer und deren Interessenorganisationen
kämpfen unentwegt und manchmal auch lautstark für Privatisierung und den schlanken Staat. Sie sind auch den Gewerkschaften selten gewogen und verteufeln manche ihrer Aktionen als feindselig und wirtschaftsschädlich. Es würde mehr als seltsam wirken, zeigten sich Österreichs Wirtschaftstreibende plötzlich Seite an Seite mit dem ÖGB-Präsidenten Fritz Verzetnitsch, der die Sorgepflicht für Lehrlinge dem Staat aufhalsen möchte: Wo keine Beschäftigung, dort habe der Staat als Lehrherr einzuspringen.

An einer derartigen Empfehlung wäre so ziemlich alles falsch. Das würde nämlich bedeuten, dass die Wirtschaft ihr vitales Interesse, die Ausbildung von Fachkräften zu sichern, in inkompetente Hände abschiebt. Der Staat kann für 4.000 bis 13.000 Jugendliche, die je nach Interpretation arbeiten möchten, aber nicht genommen werden, bestenfalls sündteure Placebos verteilen und so tun, als hätte er alles im Griff, worauf es im beruflichen Alltag ankommt. Gerade das ist aber fast nie der Fall, weshalb die Wirtschaft richtigerweise (siehe oben) nach Entstaatlichung ruft.

Ausbildung ist eine Aufgabe der Betriebe. Sie benötigen Ausgebildete, darüber täuscht die schönste Leiharbeiter-Philosophie auf Dauer nicht hinweg. Im Ernstfall des Marktgeschehens kommt es noch immer darauf an, wer die bessere, kreativere, dynamischere Mannschaft hat. Wer das nicht glaubt, reduziert seine Chancen auf einen Mitläuferkurs am hinteren Ende des Erfolges.

Im Konzept der Vorarlberger Metallindustrie leuchten alte, vorübergehend in Vergessenheit geratene Werte auf. Solidarität ist ein Wirtschaftsfaktor. Allein die Existenz dieses Modells beweist, dass Solidarität noch nicht ausgelöscht ist. Es gibt übrigens nicht nur Unternehmen, die sich aus der Pflicht zur Beschäftigung Behinderter herauskaufen, sondern solche wie bauMax, die dank ihrer Führung bewusst solidarisch handeln.

Die Lehrlingskrise ist eine ernste, es liegt an der Wirtschaft, zu handeln. Der Staat kann flankierend Hilfe leisten, was ja auch bisher schon öfter der Fall war. Am schönsten wäre es, wenn der Staat die duale Ausbildung so entrümpelt, dass Betriebe nicht mehr fürchten, ihre personalpolitischen Ziele könnten in Bürokratismen ersticken. Die Verantwortung für Lehrlinge bleibt aber eine unternehmerische. Es wäre fatal, sie aus der Hand zu geben.

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